HAUS SEEDORN – SOMMERDOMIZIL EINES NOBELPREISTRÄGERS

Nachdem ihm Hiddensee so sehr ans Herz gewachsen war, dass er seit 1885 fast jedes Jahr einige Wochen hier verbrachte, erwarb Gerhart Hauptmann 1930 das Haus Seedorn. Bis zu seinem letzten Aufenthalt auf Hiddensee im Jahre 1943 arbeitete der Schriftsteller hier fast jeden Sommer. Hauptmann, der bei den Hid- denseern als hochmütig galt, zog zahlreiche Bekannte und Freunde, vor allem Künstler, auf die Insel. Regelmäßig veranstaltete er abends philosophische Gesprächsrunden, nachdem er tagsüber Hiddensee mit seinem Notizbuch in der Hand durchstreift und sein nachmittägliches Arbeitspensum erledigt hatte.

Der alte Teil von Haus Seedorn

Der alte Teil von Haus Seedorn

Nach seinem Tod (1946) wurde das Haus 1956 in seinem ursprünglichen Zustand ais Gedenkstätte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bereits auf dem Weg durch den Vorgarten zum Haus informieren drei Vitrinen den Besucher anschaulich über biografische Fakten, den Rang des Schriftstellers -1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur – und seine Rezeption im deutschsprachigen Theater. In der Veranda finden sich Erstdrucke der Werke Hauptmanns, Zeugnisse von Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten – 1924 verbrachte Thomas Mann gemeinsam mit ihm einige Zeit im Haus am Meer (heute Vogelwarte) und arbeitete an seinem »Zauberberg« – sowie Ausschnitte aus den Reden Wilhelm Piecks, Sergej I. Tjulpanows und Johannes R. Bechers am Grab des Dichters.

Von der Veranda gelangt man in die Diele und den Wohnbereich Margaretes, der Frau Hauptmanns. Das Abendzimmer, ein »kleiner, intimer Raum, gehörte der Geselligkeit. Ein köstlicher Genuss war es jedesmal, wenn Hauptmann aus seinem Leben oder über das Entstehen seiner Werke erzählte, oder gar in seiner dramatischen Vortragskunst aus irgendeinem noch unveröffentlichten Manuskript vorlas. Da Hauptmann gern einem guten Wein zusprach, dehnten sich diese Symposien oft bis weit nach Mitternacht aus und wurden bisweilen auch wohl einmal dionysisch übersteigert.« (Arnold Gustavs, Pfarrer der Insel). Einen Einblick in die Arbeitsatmosphäre vermittelt der letzte große Raum mit Schreibtisch, Stehpult und dem großen Bücherregal. Hauptmann reiste stets mit einigen Bücherkisten, so dass der Literaturbestand in dem Haus auf Hiddensee ständig wechselte.

Im Vergleich zum Arbeitszimmer wirkt das Schlafzimmer des Dichters, das von der Diele aus über eine kleine Treppe zu erreichen ist, eher eng. Über die geselligen Abende in seinem Haus sagte der Dichter laut Gustavs wohl einmal, »er müsse auf diese Weise einen Schleier über den Tag ziehen, damit ihn die Gestalten desselben nicht noch im Traume bedrängten«. Wie sehr ihn dennoch seine Arbeit kontinuierlich beschäftigte, bezeugen indes die Kritzeleien an der Wand über dem Bett, mit denen er kurze Eingebungen der Nacht oder des Halbschlafs festhielt. Haus Seedorn: Kloster, Kirchweg, April-Okt. 10-17 Uhr, im Winter laut Aushang.

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Vitte

Hiddensee-Atlas: S. 232, B 2/3 Vitte, ca. 2 km südlich von Kloster gelegen, ist der größte der drei Orte und Verwaltungssitz der Insel. Der Name leitet sich von den Fischanlandeplät- zen, den Vitten, ab, die im 13./14. Jh. auf Rügen und Hiddensee entstanden. Gleich am Ortseingang stößt man, von Kloster kommend, auf das neu errichtete Nationalparkhaus mit dem abge- walmten Rohrdach. Es bietet umfassende Informationen über die Natur Hiddensees, Videos und naturkundliche Führungen (April-Okt. tgl. 10-16 Uhr, im Winter laut Aushang). Das alte Rathaus von Vitte wird als Haus des Gastes für Künstlertreffs und Veranstaltungen genutzt. In Strandnähe befindet sich eine flügellose Windmühle, die als Künstleratelier dient. Unüber-sehbar bei einem Gang durch den Ort ist die Blaue Scheune, das wohl beliebteste Fotomotiv Hiddensees. Sie wurde in der ersten Hälfte des 19. Jh. erbaut und diente schon vor dem Zweiten Weltkrieg als Künstleratelier, u. a. für die jüdische Malerin Henni Lehmann. Ganz in der Nähe des Jachthafens stehen zwei phantasievoll gestaltete Villen. Das Haus mit der Aufschrift »Karusek war Sommerresidenz der dänischen Stummfilmdiva Asta Nielsen. Ebenso wie das Nachbarhaus mit dem schiefen Dach und zwei weitere Gebäude auf der Insel wurde es von dem Architekten Max Taut entworfen.

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Vitte von oben

Vom Vitter Fährhafen geht es über den gepflasterten Wiesenweg zum Naturschutzgebiet Dünenheide, das sich am besten zu Fuß erschließen lässt, allerdings nur in dem der Ostsee zugewandten Bereich; die Boddenseite sowie die Fährinsel stehen unter Naturschutz und dürfen nicht betreten werden. Vorwiegend sind hier drei Holzgewächsarten zu finden – Besenheide, Krähenbeere und Kriech weide – sowie Moos- und Flechtenarten. Darüber hinaus haben sich in den vom Wind geschaffenen Mulden auch seltenere Pflanzenarten angesiedelt: Rundblättriger Sonnentau, die Glockenheide mit ihren rosa Blüten (im Juni), hin und wieder Wacholder. In den Heidesümpfen gibt es sogar ein Fleisch fressendes Gewächs, den Übersehenen Wasserschlauch, der von Insekten lebt. Besonders vielfältig ist auch das Reich der Insekten und Schmetterlinge, darunter der seltene Große Eisvogel.

Zu Fuß sollte man durch die Heide streifen, jedoch nicht schuhlos: Der Bestand an Kreuzottern ist beträchtlich. Auch die Dünenheide erweist sich als Vogelparadies: für Brachpieper und Steinschmätzer ebenso wie für die Durchzügler Sumpfrohreule, Spornammer und Goldregenpfeifer.

Neuendorf und der Südzipfel

Hiddensee-Atlas: S. 232, A 3/4 Zum Schluss kann man noch den Sü- dern, den südlichen Bewohnern der schmalen Insel, einen Besuch abstatten. Etwa 6 km sind es von Vitte bis Neuendorf-Plogshagen, einem fast wegelosen Fischerdorf, das unter Denkmalschutz steht. Die Häuser, die wie willkürlich auf der Rasenfläche aufgestellt erscheinen, sind nach der Sonne ausgerichtet und stehen auf Dünenwällen, von den Einwohnern »Berge« genannt, die von Ost nach West verlaufen und bei Hochwasser einen gewissen Schutz bieten. Nach der Sturmflut von 1872 wurden die Häuser im traditionsgemäßen Stil wiedererrichtet.

Das südlichste Bauwerk der Insel ist der 10 m hohe Süder-Leuchtturm auf dem Gellen. Bereits 1306 durfte die Stadt Stralsund hier eine >Luchte< aufstellen, die vom Kloster unterhalten wurde. Der Mönch, der in der damals hier befindlichen Kirche amtierte, betrieb den Leuchtturm mit Holz und Teer. Das Gebiet südlich des Turms – Gellen und Gänsewerder – ist ein nicht zugängliches Vogelschutzgebiet.

Nach einer neuen Studie droht der Insel an dieser Stelle, der Grenze zum Nationalpark, ein Durchbruch. Man wird daher Sand aufspülen, und die Natur soll ihr Übriges tun: Wind und Wellen werden, so die Hoffnung, Sand vom Norden hierher transportieren und den Küstenbereich schützen.

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Kloster

Hiddensee-Atlas: S. 232, B 2 Kloster ist der bedeutendste Ort und kulturelles Zentrum der Insel. Es war der Sitz des Zisterzienserordens, der vom 13. bis 16. Jh. die Insel beherrschte. Man schätzt, dass auf Hiddensee etwa zwölf Mönche nebst einigen Laienbrüdern lebten. Die Zisterzienser spielten eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung des Ackerbaus auf der Insel. Nach der Reformation wurden die Ländereien auf Hiddensee von einem herzoglichen Rentmeister verwaltet, das Kloster verfiel und wurde im Dreißigjährigen Krieg vollends zerstört.

Gleich am Ortseingang in Strandnähe befindet sich in einem kleinen Haus das Heimatmuseum. Hier kann man nicht nur die Geschichte der Insel studieren, sondern auch seine ornitho- logischen Kenntnisse prüfen. Zu den Kostbarkeiten des Hauses gehören Feuersteinwerkzeuge und eine verklei-nerte Nachbildung des Hiddenseer Goldschatzes, dessen 596 g schweres Original sich im Besitz des Stral- sunder Historischen Museums befindet. Er gilt als besonders kostbares Beispiel wikingischer Goldschmiedekunst des 10. oder frühen 11. Jh. und wurde nach den Sturmfluten der Jahre 1872 und 1874 am Neuendorfer Strand gefunden. Der Auftraggeber hatte wohlbereits den christlichen Glauben angenommen, wollte aber offenbar auf die alte heidnisch-religiöse Symbolik (Thorhammer) nicht verzichten. Die Gold- und Edelschmiede, in der die Stücke gefertigt wurden, stand vermutlich in Haithabu bei Schleswig (Kirchweg April-Okt. 10-16, Nov.-März Fr-Sa 11-15 Uhr).

Weiter in Richtung Ortskern liegt linker Hand das 1920 erbaute Haus Seedorn, in dem sich die Gerhart-Haupt- mann-Gedenkstätte befindet. Schon beim ersten Aufenthalt im Jahre 1885 »verflocht sich Hiddensee unlöslich« mit dem Schicksal des späteren Nobelpreisträgers. Hier begann der Dra-matiker sein Stück »Schluck und Jau«, schrieb aber auch Gedichte und Prosa (s. rechts). Ebenfalls ein Treffpunkt für die Künstlerwelt, vor allem in den 1920er Jahren, war die schlossartige, mit Jugendstilelementen versehene Lietzenburg etwas oberhalb des Ortes. Sie wurde 1904 von dem Maler Oskar Kruse erbaut und später von der Witwe seines Bruders, Käthe Kruse, der berühmten »Puppenkäthe«, übernommen. Nicht zuletzt der Kontakt der Maler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Filmschaffenden untereinander war in den 20er Jahren neben der Erholung ein wichtiges Motiv für die Besuche der Prominenz. »Etwas verdrießlich« fand allerdings Katja Mann ihren Aufenthalt auf der Insel, denn Hauptmann war »dermaßen eindeutiger König, dass für uns dort wenig Aufmerksamkeit abfiel, … bekamen sehr mäßiges Essen, wohingegen Hauptmann köstliche Speisen auf die Zimmer hinaufgetragen wurden«.

Ebenfalls an der Hauptstraße im Ortskern liegt die einst als Paur-Kirche (Bauernkirche) vor den Mauern des Klosters errichtete Inselkirche. 1332 eingeweiht, wurde sie 1781 grundlegend renoviert. Der vornehmlich in Weiß und Blau gehaltene, einschiffige Innenraum erweckt einen ausgesprochen heiteren Eindruck. Ungewöhnlich ist nicht nur die mit Sanddornmotiven bemalte Holzdecke, die 1921/22 von N. Niemeier nach der Überlieferung ge-staltet wurde, sondern auch der Kanzelaltar, dessen Korb aus dem 17. Jh. stammt. Links davon hängt die Grabplatte des Abtes Runenberg, der im 15. Jh. dem Kloster Vorstand. Das Kruzifix über der Eingangstür stammt noch aus dem 14. Jh. Der etwas plump wirkende Taufengel aus Lindenholz aus der ersten Hälfte des 18. Jh. wurde früher beim Taufakt herabgelassen.

Beachtenswert ist auch der Inselfriedhof um die Kirche mit den etwa 60 alten Grabwangen, die größtenteils mit Hausmarken (s. S. 47) – zum Teil ohne weitere Angaben – und mit verschiedenen Schmuckmotiven versehen sind. Die Hausmarken dienen auf Hiddensee – allerdings nicht in Kloster selbst – heute noch ihrem ursprünglichen Zweck. Im neueren Teil des Friedhofs hinter der Kirche befindet sich auf der linken Seite das Grab Gerhart Hauptmanns, der hier 1946 im Beisein des späteren Staatspräsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, beigesetzt wurde.

Das Rundbogentor oberhalb des Hafens gehörte nicht zum Kloster, sondern wurde viel später aus den umherliegenden Ziegeln der Ruinen als Teil einer Gutshofanlage, des »Kloster- Hoffs«, erbaut.

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Leuchtturm Dornbusch auf Hiddensee

Der Dornbusch

Hiddensee-Atlas: S 232, B 2 Von Kloster aus führt in nördlicher Richtung einer der Fuß- und Fahrradwege über Grieben (slawisch grib= Pilz), das älteste Dorf der Insel mit seinen uralten Feldsteinmauern aus der Slawenzeit, und um den Dornbusch, der mit seinem 72,5 m hohen Schluck-wieksberg die höchste Erhebung des Eilandes aufweist. Leider haben in den letzten Jahren zu viele Touristen die Vorschriften missachtet und neue Pfade in das sensible Naturgefüge getreten, so dass die Nationalparkverwaltung Zäune errichten musste. Es lohnt sich jedoch, des öfteren am Wegesrand innezuhalten und den Blick über den Hang mit den Farbflecken von Sanddorn, Wildrosen, Stechginsterbüschen, Königskerzen und Grasnelken auf die lang gestreckte Insel und das Meer schweifen zu lassen.

Der Dornbusch ist der ideale Ort, um den Sonnenuntergang zu genießen. Bei guter Sicht empfiehlt sich der Aufstieg auf den 28 m hohen, durch den >Wetterfrosch< Jörg Kachelmann inzwischen bis in die Alpenrepublik bekannten Leuchtturm, der 1887/88 erbaut wurde: Der Blick reicht bis Stralsund und zur dänischen Insel Moen (Mai— Sept.tgl. 10.30-16, Fr auch 19-21 Uhr, im Winter laut Aushang). Für Vogelfreunde lohnt sich ein Besuch der wildromantischen Steilküste auch im Winter (mehrere Abstiege zum Ufer), dann nämlich sind hier die geflügelten Gäste aus dem Norden anzutreffen. Doch auch im Sommer ist eine interessante Vogelart zu beobachten, die Uferschwalbe, die ihre Brutplätze bis zu 80 cm tief in die Steilwand hineingräbt.

Auf der östlichen Seite des Dornbusch gelangt man zum Alten Bessin. Von hier aus bietet sich der Blick auf die Neulandbildungen des Neuen Bes-sin, der erst in den letzten 100 Jahren entstand. Besucher haben jedoch keinen Zutritt zu diesem Gebiet, es ist allein den Seevögeln – Schnepfen, Enten und Gänsen – Vorbehalten. So manche Küstenvogelarten finden nur noch hier eine Brutstätte (s. S. 22).

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INSELERKUNDUNG

Die autofreie Insel ist ein beschaulicher >Rastplatz< für Zugvögel aller Art. Anziehungspunkt im Norden sind Kloster – mit Heimatmuseum und Inselkirche das kulturelle Zentrum – sowie der Dornbusch mit seiner wildromantischen Steilküste. Über Vitte gelangt man in den Süden zum natürlichen Kleinod Dünenheide.

Eine »freundliche Schöpfung«, dat söte Länneken oder »ein Stück deutscher Geistesgeschichte« – die Reihe der Ti-tulierungen für die kleine, lang gezogene, Rügen im Westen vorgelagerte Insel ließe sich noch weiter fortsetzen. Nicht minder umfangreich ist die Liste der Prominenten, die zu Beginn des 20. Jh. Hiddensee in eine wahre Intel- lektuellen-Kolonie verwandelten: von Bert Brecht über Gottfried Benn, Franz Kafka, Max und Käthe Kruse, Asta Nielsen und Henny Porten, Ernst Toller und Erich Mühsam bis zu Sigmund Freud, Albert Einstein und Billy Wilder und den Malern Conrad Felixmüller und Erich Heckei, allen voran aber Gerhart Hauptmann. Und fast niemand fand sich unter den zahlreichen Urlaubern, Dauergästen, Flüchtenden und Zugezogenen, der nicht ins Schwärmen geriet.

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Auch wenn mittlerweile die sommerlichen Tagestouristen die Insel überschwemmen, tritt abends und in der Nebensaison eine Ruhe ein, die vielleicht nicht jedermanns Sache ist, genauso wie die zum Teil karge, dem Wind ausgesetzte Landschaft, die schwebende Atmosphäre und der eigentümliche Dialekt der Bewohner. Gerhart Hauptmann beschwor seinerzeit das Glück, das er auf der Insel empfand, mit den Worten: »Stille, stille, dass es nur ja kein Weltbad werde.« Ein Seebad ist Hiddensee zwar schon, und auch die Zahl der Unterkünfte ist in den letzten Jahren angewachsen, dennoch bietet die Insel, die mit 1800 bis 1900 Sonnenstunden im Jahr ausgesprochen begünstigt ist, noch immer ein gehöriges Maß an Beschaulichkeit für Zugvögel jeder Art. Kurpromenaden, Hallenbäder, lärmendes Nachtleben sowie alte oder neue Prunkarchitektur wird man vergeblich suchen, Liebhaber von Flora und Fauna hingegen werden hier immer noch ihr Paradies finden.

Der Name »Hedinsey« taucht bereits in der »Jüngeren Edda« und in der »His- torica Danica« des Saxo Grammaticus auf und bedeutet soviel wie »Insei des Hedin« (nordischer König). Das später unter dänischer Herrschaft offiziell gebräuchliche »Hedins-Oe« wurde vermutlich zu Hiddensee eingeschliffen. Vielleicht nannte man die Insel aber auch zunächst Hiddensöe (schwedisch: Hidda = Hütte), weil aus Mangel an Bauholz nur Hütten aus Rasentorf errichtet werden konnten.

DIE RANEN UND DER SWANTEVIT-TEMPEL

Im Gefolge der Völkerwanderung nahm seit Beginn des 7. Jh. der nordwestslawische Volksstamm der Ranen (oder Rujanen) die Inseln Rügen und Hiddensee in Besitz. Die 700 Jahre dauernde Anwesenheit der Slawen hat vor allem das Siedlungsbild Rügens nachhaltig geprägt. Die zahlreichen Städte-, Orts- und Flurnamen, die auf -ow, -itz oder -in enden, bezeugen ihre Pionierleistung.

Die Ranen lebten hauptsächlich von Ackerbau, Jagd, Vieh- und Bienenzucht. Schriftliche Zeugnisse, die die Chronisten Helmoid von Bosau, Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen im 11 ./12. Jh. verfassten, schildern die Ranen als ein gastfreundliches Volk, das über einen ausgeprägten Gemeinschafts- und Familiensinn verfügte. Bei ihren Nachbarstämmen und den Anrainern der Ostsee waren die Ranen allerdings als Krieger und Seeräuber gefürchtet. Wiederholt überfielen sie dänische Inseln und beteiligten sich an Kriegszügen gegen die westlichen slawischen Nachbarn und die Pomoranen im Osten, so etwa 955 im Bündnis mit Kaiser Otto I. Im Jahr 1128 zerstörten die Ranen Burg und Siedlung von Alt-Lübeck.

Svantevit

Svantevit

Allerdings blieben auch die Ranen selbst nicht von Angriffen verschont. Dreimal versuchten die auf Expansion drängenden Deutschen (1014,1136 und 1147), die Slawen aus ihrem Stammesgebiet zu vertreiben. Zum Schutz vor Raubzügen und Belagerung durch Feinde ließ der ranische Stammesadel über die ganze Insel verteilt Burgen anlegen. Von diesen hölzernen Bauwerken sind lediglich Reste der Wallanlagen erhalten geblieben; die wichtigsten finden sich beim Kap Arkona, auf dem Rugard, beim Herthasee in der Stübnitz, bei Garz und Zudar.

Die drei bedeutendsten Siedlungsstätten der Ranen waren Arkona, Garz und Ralswiek. Ab etwa 800 entwickelte sich in Ralswiek am Jasmunder Bodden dank seiner zentralen und strategisch günstigen Lage der größte Seehandelsplatz der Ranen. Wie weit in alle Welt ihre Handelsverbindungen geknüpft waren, bezeugt der >Dirham-Schatz‘, den man 1973 bei Ausgrabungen in Ralswiek entdeckte. Es handelt sich dabei um einen 2,7 kg schweren Fund von etwa 2200 Silbermünzen und Münzbruch vornehmlich aus dem Orient. Die arabischen Dirhams und persischen Drachmen wurden zwischen 459 und 847 geprägt – Indiz für weit reichende Handelsbeziehungen bereits zu dieser Zeit. Ein Teil des Schatzes aus Ralswiek ist inzwischen im Kulturhistorischen Museum in Stralsund zu sehen. Als spektakulär gilt auch der Ralswieker Fund von vier Eichenbooten aus dem 9. Jh. Sie sind bis zu 13 m lang und 3,5 m breit.

Das politische Zentrum der Ranen lag bei Garz (Charenza), wo der Stammesfürst in einer Tempelburg seinen Sitz hatte. In Charenza wurde den Gottheiten Po- revit (der fünfköpfige Wettergott), Forenut (der viergesichtige Gott des Donners) und Rugievit (der mit sieben Köpfen und ebenso vielen Schwertern ausgestattete Gott des Krieges) gehuldigt. Auch in der Nähe des heutigen Sagard (slaw. = Ort neben der Burg) befand sich eine Tempelburg; sie war Kultstätte der Gottheit Piza- mar.

Doch das religiöse Zentrum lag bei Arkona. Über den Klippen der Steilküste erhob sich die Jaromarsburg, die der Gottheit Swantevit geweiht war. Im Jahre 1066 errichteten die Ranen am Kap Arkona die vermutlich quadratisch angelegte Tempelfeste; im Zentrum befand sich die hölzerne, überlebensgroße Bildsäule des Swantevit. Kein Waffengang fand statt und keine Feldaussaat wurde begonnen, ohne dass man zuvor das Orakel in der Jaromarsburg befragte. Neben den üblichen Opfergaben wurde nach jedem Kriegszug ein Drittel der Beute abgeliefert. Saxo Grammaticus, der 1168 als »Geheimschreiben des Bischofs Absalon von Roskilde an der Eroberung Rügens durch die Dänen teilgenommen und die Erstürmung der Jaromarsburg miterlebt hatte, gibt eine genaue Beschreibung der Tempelanlage und der alljährlichen Huldigungsriten, auf deren Grundlage man das Heiligtum rekonstruieren kann.

Das eigentliche Swantevit-Heiligtum war ein hölzernes Gebäude in der Mitte der Festung: »In dem Gebäude befand sich das kolossale Götzenbild, das an Größe jede menschliche Gestalt überragte. So stand es mit seinen vier Köpfen und ebenso vielen Hälsen zum Anstaunen da. Von den Gesichtern schienen zwei nach der Brust und zwei nach dem Rücken gerichtet zu sein, aber von den vorwärts wie rückwärts gerichteten Gesichtern schien immer das eine nach rechts und das andere nach links zu blicken. Der Götze war mit geschorenem Bart und geschnittenem Haar dargestellt. In der Rechten trug die Bildsäule ein Horn aus verschiedenartigem Metall. Der mit den heiligen Bräuchen vertraute Priester füllte es jährlich mit Met, um aus dem Verhalten der Flüssigkeit die Erträge des nächsten Jahres zu erkennen.«

Nach der Erstürmung Arkonas hackten die Sieger die Swantevit-Skulptur in Stücke und verbrannten sie. Es war kein Zufall, dass sich die dänischen Eroberer auf die Einnahme des Heiligtums konzentrierten, da es mehr als alles andere das ranische Stammesbewusstsein verkörperte. Nach dem Fall von Arkona 1168 ergab sich auch das politische Machtzentrum, die Burg Charenza (Garz).

Nachdem der Stammesfürst Jaromar widerstandslos den christlichen Glauben übernommen hatte, wurde Rügen innerhalb weniger Jahrzehnte vollständig christianisiert. Bereits 1180 begann man mit dem Bau der Marienkirche in Bergen, 1193 stiftete Jaromar – inzwischen zum dänischen Fürsten und Lehnsherrn erhoben – das dazu gehörige Zisterzienserkloster.

Die Eroberung und Christianisierung durch die Dänen hatte zunächst kaum Auswirkungen auf die ethnographische Struktur der Inselbevölkerung; die Dänen waren an einer Kolonisierung nicht interessiert, es fehlte ihnen der dafür nötige Bevölkerungsüberschuss. Erst durch die deutsche Siedlungsbewegung Richtung Osten wurden vom 13.-15. Jh. an allmählich die slawische Sprache und Kultur verdrängt, und die Ranen gingen nach und nach in der mehrheitlich deutschen Bevölkerung auf.

KLAUS STÖRTEBEKER – FREIBEUTER AUF DER FLUCHT

Störtebeker wurde, so erzählt die Legende, um 1370 als Sohn eines Bauern in Ruschvitz auf Rügen geboren – dessen ungeachtet erheben mehrere Orte auf Rügen und anderswo ebenfalls Anspruch, Geburtsort des berühmten Seeräubers zu sein. Als junger Mann verdingte sich Klaus als Knecht. Eines Tages – er war sehr durstig und glaubte sich unbeobachtet – nahm er aus der Bierkanne seines Herrn einen kräftigen Schluck. Doch der Bauer hatte ihn dabei beobachtet – zur Strafe ließ er Klaus fesseln und prügeln. Dieser verfügte indes über solche Leibeskräfte, dass er die Ketten sprengte und seine Peiniger niederschlug.

Klaus Störtebeker

Klaus Störtebeker

Mit einem Fischerboot floh er nach Arkona. Am Kap stieß er auf eine Kogge, die Michael Gödecke, der berüchtigte Anführer einer Piratenbande, befehligte. Um in die Gesellschaft der Vogelfreien aufgenommen zu werden, musste Klaus mit bloßen Händen ein Hufeisen auseinander biegen und eine zinnerne Schüssel zu einer Rolle zusammendrehen, was ihm wenig Mühe bereitete. Damit aber nicht genug, zu guter Letzt sollte er noch einen riesigen Humpen Bier in einem Zug leeren. Auch das schaffte er, ohne abzusetzen, und damit hatte er schließlich seinen nom de guerre erworben: Störtebeker – plattdeutsch für »Stürz den Becher«. Nach dieser Talentprobe war er – es soll um das Jahr 1393 gewesen sein – in die Gemeinschaft der Piraten aufgenommen; zusammen mit Michael Gödecke wurde er zu einem der meistgefürchteten Seeräuber seiner Zeit. Häufig mussten sich Störtebeker und seine Kumpane vor ihren Häschern in abgelegenen Schlupfwinkeln verbergen. Eines der Verstecke soll das Nonnenloch bei Zicker auf Mönchgut gewesen sein; andere Legenden berichten, dass die Seeräuber ihre erbeuteten Schätze in einer Höhle nahe dem Königsstuhl an der Jasmunder Küste horteten.

Die Likedeeler, Gleichteiler – so genannt, weil jeder der Seeräuber den gleichen Anteil an der Beute erhielt -, machten die Küsten der Nordsee wie der Ostsee unsicher. Und weil sie die Reichen plünderten und die Armen unterstützten, genossen sie große Sympathien beim einfachen Volk. Kaufleute und Patrizier, die um ihr Hab und Gut fürchten mussten, hatten natürlich weniger Verständnis für das Treiben der Likedeeler. Als die Freibeuter eines Tages bei Hamburg vor Anker lagen, goss ein Verräter das Steuerruder ihres Schiffes mit Blei aus, um es manövrierunfähig zu machen. Störtebeker und seine Leute wurden gefangen genommen und 1401 in Hamburg vor Gericht gestellt. Das Urteil stand von vornherein fest: Tod durch das Beil. Störtebekers letzte Bitte war, denjenigen in einer Reihe aufgestellten Kameraden das Leben zu schenken, an denen er noch mit abgeschlagenem Kopf vorbeilaufen würde. So rettete er auf dem Hamburger Grashoop noch etliche seiner Kampfgefährten, bis ihm der Gehilfe des Henkers ein Bein stellte und er strauchelte.

Diese Geschichte um den Robin Hood der See diente dem DDR-Autor Kurt Barthel (1914-1967; Pseudonym KuBa) als Vorlage für eine «dramatische Ballade-, die in der eigens dafür eingerichteten Freilichtbühne bei Ralswiek 1959 uraufgeführt wurde. Störtebeker wird in dem Stück zum Wohltäter der Armen und Schrecken der Reichen, mithin zum Vorkämpfer einer klassenlosen Gesellschaft stilisiert. Für die Aufführungen, die jeweils an die 10 000 Zuschauer anlockten, ließ man auf der Rasenfläche Kulissen von spätmittelalterlichen Patrizierhäusern errichten, und aus dem angrenzenden Jasmunder Bodden wurde der Schauplatz nächtlicher Seeschlachten. Neben Schauspielern, Tänzern, Sängern und Musikern des Volkstheaters Rostock wirkten etwa 1000 Rüganerals Statisten mit und mimten Reiter, Soldaten und Seeleute. Drei Jahre lang, bis 1961, zeigte man das Stück auf der Naturbühne, dann wurde es abgesetzt und erst wieder ab 1980 aufgeführt. Im August 1981 fand die 100. Vorstellung statt; seit 1993 wird die Störtebeker-Ballade wieder regelmäßig von Juni bis August in Ralswiek gespielt (Mo-Sa 20 Uhr, Information und Kartenverkauf: Störtebeker Festspiele, Am Bodden 100, Ralswiek, Tel. 0 38 38/3 11 00, Fax 0 38 38/31 31 92. Es gibt außerdem einen eigenen Besucherservice für alle touristischen Belange: Störtebeker Rügen Service, Tel. 0 38 38/31 15 50, Fax 31 36 27).

So ist gewährleistet, dass die Kulissen – vom Hamburger Richtblock, in dem noch das blutige Henkersschwert steckt, bis zur Seeräuberkogge, die am Ufer im Wasser dümpelt – als kulturgeschichtliches Zeugnis erhalten bleiben. Welche andere Insel kann schon mit einer mittelalterlichen Geisterstadt aufwarten?

VON JASMUND ZUR HALBINSEL WITTOW 3

Flächendenkmal Kap Arkona

Das Flächendenkmal Kap Arkona ist für Autos weiträumig gesperrt. Vom großen Parkplatz in Putgarden kann man die verschiedenen Orte zu Fuß, mit der Kutsche oder der Arkona-Bahn erreichen oder sich ein Fahrrad auslei- hen.

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Rügen-Atlas: S. 233, E 1 Das Bilderbuchdorf Vitt, von Putgarden ca. 2,5 km entfernt, gehörte zu DDR- Zeiten zu den exklusivsten Urlaubszielen, wird inzwischen aber von wahren Touristenströmen heimgesucht. Doch die Bewohner des kleinen Ortes begegnen dem Spektakel mit bewundernswerter Gelassenheit. Das geschützt liegende Dorf mit den 13 dicht nebeneinander stehenden, rohrgedeckten Katenhäusern vermittelt einen Eindruck von den einst auf Wit- tow vorhandenen Fischanlandungs- und Verarbeitungsplätzen, die in den so genannten >Lieten<, den ausgespülten Schluchten der Hochufer, entstanden. Fremde Händler erwarben das Nutzungsprivileg für diese Plätze, wo der Fisch gesalzen, verpackt und abtransportiert wurde, durch Salz- oder Geldabgaben. Die Vitter besaßen sogar eine eigene Rechtsbarkeit. Noch heute wird unten am Hafen in der Saison in großen Öfen Fisch geräuchert, den man unbedingt probieren sollte.

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Nach einem Rundgang durch den von der UNESCO als schutzwürdig klassifzierten Ort gelangt man durch eine Art Hohlweg hinauf zur Vitter Ka-pelle, die Gotthard Ludwig Kosegarten Anfang des 19. Jh. erbauen ließ. Es hatten sich nämlich »Uferpredigten- eingebürgert, die immer dann abgehalten wurden, sobald »der Hering sich spüren lasse, was denn gemeiniglich zu Ende August oder Anfang September der Fall ist«. Ab diesem Datum warteten die Bauern, die jeweils zur Fischfangsaison hierher kamen, ständig darauf, dass das Wasser sich dunkel färbte – ein sicheres Zeichen dafür, dass ein Heringsschwarm vorbeizog. Folglich konnten sie es sich nicht leisten, zum Gottesdienst in das 8 km entfernte Altenkirchen zu gehen.

Den Uferpredigten Kosegartens, meist Lobeshymnen auf die Schönheiten der Landschaft und vor allem durch seine Dichtung »Jucunde« weit über Rügen hinaus bekannt, wohnte regelmäßig ein »Utkieker- bei, der mit dem Ausruf »De Hiering kümmt!« den Pfarrer unterbrach. Daraufhin eilten die Männer der Gemeinde zu ihren Booten. Bei Nebel oder Sturm fand der Gottesdienst in einer Hütte am Ufer statt, und als diese baufällig wurde, fasste Kosegarten 1802 den Plan zum Bau einer Kapelle – zu einem Zeitpunkt allerdings, als »der Hering sich schon weggewöhnt hat von diesen Ufern«.

1805/06 lieferte Caspar David Friedrich einen Entwurf, der einen ovalen Bau mit einem ebensolchen vorgelagerten Platz für die Predigten im Freien vorsah. Mehrere Baumreihen hätten mit der Zeit das Gelände überwachsen und eine Art Waldkirche geschaffen. Stattdessen wurde aber Ende 1806 der achteckige Zentralbau begonnen, den wir heute vor uns sehen. Das Innere ist schlicht, die Akustik bei günstigen Wetterverhältnissen jedoch erstaunlich gut. Bereits zu Beginn der Arbeiten erteilte Kosegarten dem Maler Philipp Otto Runge den Auftrag für ein Gemälde mit dem Motiv »Petrus’ Wandel auf dem Meer«. Das Werk hinter dem Altar ist allerdings nur eine Kopie des Originals, das in der Hamburger Kunsthalle hängt. Beim Fresko an der Wand der Eingangstür handelt es sich um ein Werk des Italieners Gabriele Mucchi, »Menschen im Sturm«, das allerdings den Spott der Rüganer geerntet hat, da es ihrer Ansicht nach einige Fehler in der naiv-realistischen Darstellung aufweise.

Vor der Kapelle gelangt man über eine kleine Anhöhe hinauf zu einem befestigten Rad- und Fußweg, der weiter Richtung Norden führt. Schon bald er-reicht man die Reste der Jaromars- burg, dem einstigen Heiligtum der Ranen (s. S. 198). An dieser Stelle wurde 1168 das hölzerne Standbild des Gottes Swantevit von den Dänen in Stücke gehackt und verbrannt. Da Swantevit die Angreifer nicht bestrafte, ergaben sich die Burgbewohner; heute ist nur mehr ein Teil des 8-10 m hohen Schutzwalls zu sehen.

VON JASMUND ZUR HALBINSEL WITTOW 2

Juliusruh und Breege

Rügen-Atlas: S. 233, D/E 1/2 Ab Glowe beschreibt die Straße eine lang gezogene Kurve bis Juliusruh, dem nächsten Stützpunkt des Badetourismus. Es ist der erste Ort auf dem »Windland« Wittow, der fruchtbaren nördlichsten Insel Rügens. Seine Geschichte ist eng mit der von Breege verbunden. Als im letzten Drittel des 19. Jh. dessen Bewohner durch den Niedergang der Hochseeschifffahrt vor dem Ruin standen, waren es der schöne Strand von Juliusruh, der Bodden und das Bedürfnis der Großstädter nach Urlaub in der Natur, die den Gemeindeschulzen, zusammen mit Reedern, Kaufleuten und Gastwirten dazu bewegten, 1883 einen Badeverein zu gründen. Durch öffentliche Tanzveranstaltungen, Konzerte und Vorträge kam das Grundkapital für die entsprechende Ausstattung des Ortes zusammen, und 1895 entstand ein Strandhotel.

Juliusruh Dorf, Rügen

Juliusruh Dorf, Rügen

Eine weitere wichtige Einnahmequelle in den 1920er Jahren war ein zentrales Ausbildungslager des Deutschen Kanusportverbandes, das auch Wettkämpfe – u. a. eine Regatta zwischen Rügen und Südschweden – ausrichtete. Die Nazis nutzten das Lager zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele und später zur »Wehrertüchtigung« der Hitlerjugend. Nach 1945 wurden hier die Arbeitskräfte zur Demontage militärischer Einrichtungen auf Wittow untergebracht. 1953 übernahmen FDGB, FDJ und GST (Gesellschaft für Sport und Technik, eine Art vormilitärischer Einrichtung) das Lager. Momentan ist über die zukünftige Nutzung noch nicht entschieden.

Ein echtes Kleinod des Seebades mit seinen alten Pensionshäusern ist der links der Straße gelegene Park, der von Julius von der Lancken aus dem reichsten Geschlecht Wittows Ende des 18. Jh. teils im französischen, teils im englischen Stil angelegt wurde. Zu diesem Zweck ließ er Erde anfahren, Linden in Holzkübeln aus Schweden holen und südländische Gewächse pflanzen; ein teures Unterfangen, welches dazu beitrug, dass der Graf im Jahre 1903 seine Besitzungen auf Rügen verkaufen musste.

Von Juliusruh führt ein Waldweg links nach Breege (Hinweisschild), von dessen einstigem Wohlstand als Hafenort – es galt einst als das reichste Dorf Rügens – noch die großen Kapitänshäuser zeugen. Bis heute lebt der etwas abgelegene Ort, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, vor allem von der Reusenfischerei, aber auch von dem neuen Jachthafen. Nach langjähriger Pause verkehren mittlerweile auch wieder Schiffe zur Insel Hiddensee.

Altenkirchen

Rügen-Atlas: S. 233, D 1 Nach Altenkirchen, dem mit etwa 1600 Einwohnern größten Ort auf der Halbinsel Wittow, gelangt man am besten über Juliusruh. Seiner zentralen Lage wegen bewohnten schon die Rugier das Gebiet, Altenkirchen diente ihnen als Begräbnisstätte. Nach der Zerstörung des Swantevit-Tempels auf dem Kap Arkona (s. S. 198f.) gründeten die Dänen hier eine Wohnsiedlung mit einer Kirche, die angeblich aus dem Palisadenholz der Ranenburg errichtet wurde.

Die Backsteinkirche, eine der ältesten Pfarrkirchen Rügens und wohl das einzige, aber unbedingt sehenswerte Baudenkmal in dem sonst eher un-scheinbaren Ort, entstand um 1200 als dreischiffige romanische Basilika und wurde später mit einem gotischen Kreuzrippengewölbe ausgestattet, das einige Rätsel aufgibt, denn die Deutung der drei dort befindlichen, 1967 freigelegten Zeichnungen ist unklar: Versinnbildlicht das dargestellte Schwein ein slawisches Kulttier oder ein unreines Wesen, das die Kirche verlässt? Und die beiden Hähne, sind sie als Symbol der Ranen-Gottheit Swantevit zu ver-stehen? Eindeutig der christlichen Ikonographie zuzuordnen ist hingegen der Pelikan im Chorbogen.

Ungesichert ist auch die Bedeutung des alten slawischen Grabsteins im südlichen Choranbau, der einen Mann mit Bart und Füllhorn darstellt. Es mag sich um einen Priester des Swantevit handeln, und der Stein wurde als Zeichen der Unterwerfung der Heiden eingemauert; vielleicht ist es auch der Grabstein für den Bruder des Fürsten Jaromar von Rügen.

Ein weiteres Kleinod der Kirche ist das Taufbecken aus gotländischem Kalkstein im Altarraum, aus dem vier Männerköpfe herausragen; es entstand vor 1250. Sehenswert auch der Altar mit seinem Aufsatz von 1724, der aus der Werkstatt des berühmten Barockbildhauers Elias Keßler aus Stralsund stammt. Die Orgel erhielt 1797 ihre heutige Gestalt. Gotthard Ludwig Kosegarten, der von 1792 bis 1802 Pastor von Altenkirchen war, ließ sie aufstellen. Wenn nicht gerade eine Busgesellschaft die Kirche heimsucht, bietet der Friedhof, auf dem auch Kosegarten begraben liegt (Grabstein links neben dem Eingang zur Kirche), ein beschauliches, geradezu romantisches Plätzchen. Eine Besonderheit ist auch der abseits stehende Glockenturm.

Auf dem Weg Richtung Kap Arkona führt vor dem Hotel »Nobbin« ein Plattenweg zur Nobbiner Grabanlage aus der Jungsteinzeit, die auch Riesenberg genannt wird und wegen ihrer erhöhten Lage zu den eindrucksvollsten auf Rügen gehört. Das etwa 5000 Jahre alte, trapezförmig angelegte Großsteingrab von 34 m Länge und 11 bzw. 8 m Breite zeigt deutlich die Anlage eines Hünenbettes (s. S. 34f.). Von den wohl ursprünglich 53 großen Steinen sind noch 34 erhalten. Zwei Wächtersteine begrenzen die Anlage an der Südwestseite. Innerhalb der Umfriedung befanden sich zwei Grabkammern, die schon früh ausgeplündert wurden, denn hier fand man Reste einer Urnenbestattung aus der Eisenzeit. Die Steinsetzung übte auf Caspar David Friedrich offenbar eine große Faszination aus, denn er skizzierte sie mehrmals und arbeitete seine Aufzeichnungen vermutlich in sein Gemälde »Hünengrab« ein.

VON JASMUND ZUR HALBINSEL WITTOW

Der alte Fischerort Lohme auf Jasmund ist der ideale Ausgangspunkt für einen Ausflug zur nördlichsten Halbinsel. Die Route führt über die Schaabe zum Seebad Juliusruh und nach Breege mit seinen Kapitänshäusern. Vielseitig präsentiert sich das Windland mit der Backsteinkirche in Altenkirchen, dem Fischerort Vittund dem Großflächendenkmal Kap Arkona.

Lohme

Rügen-Atlas: S. 235, D/E 1 Das Fischerdorf Lohme besaß früher eine interessante Hafenanlage: Der Fisch, der etwa 70 m weiter unten in der kleinen Bucht angelandet wurde, kam per Seilbahn nach oben zum ‘alten Fischerhafen« und wurde dort verarbeitet und verkauft. Im 19. Jh. galt Lohme als beliebter See- und Luftkurort. Seit 1997 gibt es einen neuen Jachthafen. Geht man von hier aus ein Stück Richtung Osten, sieht man im seichten Gewässer den Schwanenstein mit einem Volumen von 63 m3 und einem Gewicht von ungefähr 162 t, einen der schönsten Findlinge Rügens. Sein Name beruht auf einer alter Sage: Auf Rügen nämlich bringen nicht nur die Störche, sondern stellvertretend während deren Abwesenheit im Süden auch die Schwäne Kinder. Im Stein nun sollen die neuen Rügener Erdenbewohner eingeschlossen gewesen sein, die, indem der Schwan sie herausholte, schließlich »geboren« wurden. Einer anderen Sage nach fischt der Schwan die Babys aus der Ostsee- der Bürgermeister von Lohme jedenfalls konnte stolz verkünden, der Ort besitze auch einen Kreißsaal.

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Mohnfeld bei Lohme – Rügen

Zu den größten Attraktionen des Ortes gehört ein Besuch der Terrasse des Panoramahotels, von der man einen herrlichen Blick über die Tramper Wiek bis nach Kap Arkona genießen kann. Der Wirt des Hauses, Matthias Ogilvie, bezeichnet sich als philosophierenden Hotelier, veranstaltet ein kleines Kulturprogramm, führt Gäste, die Wert darauf legen, bisweilen über die Insel und plaudert mit ihnen am Abendtisch.

Uber die Schaabe

Rügen-Atlas: S. 234/235, C/D 1 Die Fahrt von Lohme – mit stellenweise holprigem Pflaster – über Blandow und Nardevitz nach Juliusruh führt durch zwei Alleen und gehört sicherlich zu den schönsten Streckenabschnitten auf Jasmund. Vor allem im Frühsommer, wenn der Raps blüht oder etwas später der Mohn, sollte man hinter Nardevitz den Blick links hinüber nach Bobbin (s. S. 176) und zur anderen Seite auf die Tromper Wiek schweifen lassen. Kurz vor Ruschvitz, angeblich der Geburtsort Klaus Störtebekers (s. S. 188f.,), nimmt man die Schnellstraße Richtung Glowe.

Glowe ist der >Kopf< (slaw. glowna) der lang gezogenen Nehrung, die Jasmund mit Wittow verbindet. Der Ort wurde 1314 erstmals urkundlich erwähnt. Ursprünglich öffnete sich bei Glowe der Bodden zur Tromper Wiek, doch mit der Zeit wurde so viel Sand angeschwemmt, dass schließlich im 19. Jh. eine Verbindung zwischen den beiden Halbinseln entstand. Die etwa 10 km lange Schaabe wurde um 1860 mit Kiefern, Birken und Fichten befors- tet, um das so entstandene Land zu befestigen, und stellt heute eines der meistbesuchten Badeparadiese Rügens dar. Nach der hügeligen, stillen Landschaft auf Jasmund umfängt den Besucher hier denn auch im Sommer eine betriebsame Strandatmosphäre. Man kann wählen, ob man gleich hinter dem Königshörn, einer 9 m hohen, ins Meer vorspringenden Landspitze mit guter Aussicht, in die Fluten steigt, um anschließend in einem Cafe eine Stär-kung zu sich zu nehmen, oder ob man etwas später, zwischen den Kiefern der Schaabe, zu einer der vielen freien Badestellen am steinlosen Strand läuft.

INDUSTRIEROHSTOFF KREIDE

Noch zu Beginn des 19. Jh. war Kreide als Handelsgut so gut wie bedeutungslos. Das änderte sich, als im Zuge der Industrialisierung in der chemischen und pharmazeutischen Produktion und in der Bauindustrie der Rohstoff Kreide immer wichtiger wurde. Die erste deutsche Kreideschlämm-Fabrik entstand 1840 bei Greifswald. Gründer war der als Altertumsforscher berühmt gewordene Friedrich von Hagenow, der auch als tüchtiger Geschäftsmann galt.

Kreiseabbau in Rügen

Kreiseabbau in Rügen

Wenige Jahre nach der Greifswalder Fabrik ging 1845 in Sassnitz die erste Schlämmerei auf Rügen in Betrieb. Um die Jahrhundertmitte arbeiteten bereits zehn Kreidewerke auf der Insel, 1900 waren es über 20. Neben dem südrügen- schen Gebiet um Altkamp, Poseritz und Dumsevitz entwickelte sich vor allem die Halbinsel Jasmund mit ihren reichen Vorkommen zum Zentrum der Kreidefabrikation. Die ersten 2001 Schlämmkreide wurden in Quoltitz, im Norden Jasmunds, gewonnen. Das Sassnitzer Werk war bald das bedeutendste der Insel.

Kreide abzubauen und zu verarbeiten war eine gefährliche und anstrengende Tätigkeit. Mit Spitzhacken schlugen die angeseilten »Schlämmen an der steilen Abbruchwand die Kreide los. Mittels Loren wurde dann das mit Fremdkörpern verunreinigte Material in das »Rührwerk» gebracht und dort in Wasser geschlämmt. Nach einer Trocknungszeit von mehreren Wochen – wenn sich der Feuchtigkeitsgehalt auf etwa 5 % vermindert hatte – war die Schlämmkreide versandfertig. Der gesamte Herstellungsprozess beruhte im Wesentlichen auf manueller Arbeit, genauer gesagt auf schwerster körperlicher Plackerei. Daran änderte sich auch wenig, als gegen Ende des 19. Jh. zumindest Teilbereiche der Produktion mechanisiert wurden. Kinderarbeit war in der Kreideindustrie gang und gäbe. In den 1920er Jahren lebten an die 500 Familien von der Arbeit in den Kreidewerken.

Nach 1945 wurden die verbliebenen Betriebe verstaatlicht und notdürftig modernisiert. Trotz mancher Verbesserungen hielten die rückständigen Anlagen mit dem gestiegenen Bedarf bald nicht mehr Schritt: Die Industrie der DDR benötigte zunehmend größere Mengen des Minerals, und auch im Ausland nahm die Nachfrage nach der hochwertigen »Drei-Kronen-Schlämmkreide« stetig zu – eine wichtige Devisenquelle, die effektiv genutzt werden wollte. Deshalb entstand Anfang der 60er Jahre das vollautomatisierte Schlämmkreidewerk Klementelvitz, das die DDR nach Frankreich und Dänemark zum drittgrößten europäischen Exporteur von Kreide machte.

Das Rügener Werk hat die Wiedervereinigung wirtschaftlich überlebt und liefert weiterhin den Rohstoff, der für die Herstellung von Farben, Geschirr, Arzneien, Zahncreme und Kacheln benötigt wird. Hohe Wertschätzung erfuhr das vielseitige Rügener Naturprodukt auch auf der Expo 1998 in Portugal, als es im deutschen Pavillon dem internationalen Publikum vorgestellt wurde. Näheres über die Rügener Kreide lässt sich im Kreidemuseum Gummanz erfahren (s. S. 176).