DIE RANEN UND DER SWANTEVIT-TEMPEL

Im Gefolge der Völkerwanderung nahm seit Beginn des 7. Jh. der nordwestslawische Volksstamm der Ranen (oder Rujanen) die Inseln Rügen und Hiddensee in Besitz. Die 700 Jahre dauernde Anwesenheit der Slawen hat vor allem das Siedlungsbild Rügens nachhaltig geprägt. Die zahlreichen Städte-, Orts- und Flurnamen, die auf -ow, -itz oder -in enden, bezeugen ihre Pionierleistung.

Die Ranen lebten hauptsächlich von Ackerbau, Jagd, Vieh- und Bienenzucht. Schriftliche Zeugnisse, die die Chronisten Helmoid von Bosau, Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen im 11 ./12. Jh. verfassten, schildern die Ranen als ein gastfreundliches Volk, das über einen ausgeprägten Gemeinschafts- und Familiensinn verfügte. Bei ihren Nachbarstämmen und den Anrainern der Ostsee waren die Ranen allerdings als Krieger und Seeräuber gefürchtet. Wiederholt überfielen sie dänische Inseln und beteiligten sich an Kriegszügen gegen die westlichen slawischen Nachbarn und die Pomoranen im Osten, so etwa 955 im Bündnis mit Kaiser Otto I. Im Jahr 1128 zerstörten die Ranen Burg und Siedlung von Alt-Lübeck.

Svantevit

Svantevit

Allerdings blieben auch die Ranen selbst nicht von Angriffen verschont. Dreimal versuchten die auf Expansion drängenden Deutschen (1014,1136 und 1147), die Slawen aus ihrem Stammesgebiet zu vertreiben. Zum Schutz vor Raubzügen und Belagerung durch Feinde ließ der ranische Stammesadel über die ganze Insel verteilt Burgen anlegen. Von diesen hölzernen Bauwerken sind lediglich Reste der Wallanlagen erhalten geblieben; die wichtigsten finden sich beim Kap Arkona, auf dem Rugard, beim Herthasee in der Stübnitz, bei Garz und Zudar.

Die drei bedeutendsten Siedlungsstätten der Ranen waren Arkona, Garz und Ralswiek. Ab etwa 800 entwickelte sich in Ralswiek am Jasmunder Bodden dank seiner zentralen und strategisch günstigen Lage der größte Seehandelsplatz der Ranen. Wie weit in alle Welt ihre Handelsverbindungen geknüpft waren, bezeugt der >Dirham-Schatz‘, den man 1973 bei Ausgrabungen in Ralswiek entdeckte. Es handelt sich dabei um einen 2,7 kg schweren Fund von etwa 2200 Silbermünzen und Münzbruch vornehmlich aus dem Orient. Die arabischen Dirhams und persischen Drachmen wurden zwischen 459 und 847 geprägt – Indiz für weit reichende Handelsbeziehungen bereits zu dieser Zeit. Ein Teil des Schatzes aus Ralswiek ist inzwischen im Kulturhistorischen Museum in Stralsund zu sehen. Als spektakulär gilt auch der Ralswieker Fund von vier Eichenbooten aus dem 9. Jh. Sie sind bis zu 13 m lang und 3,5 m breit.

Das politische Zentrum der Ranen lag bei Garz (Charenza), wo der Stammesfürst in einer Tempelburg seinen Sitz hatte. In Charenza wurde den Gottheiten Po- revit (der fünfköpfige Wettergott), Forenut (der viergesichtige Gott des Donners) und Rugievit (der mit sieben Köpfen und ebenso vielen Schwertern ausgestattete Gott des Krieges) gehuldigt. Auch in der Nähe des heutigen Sagard (slaw. = Ort neben der Burg) befand sich eine Tempelburg; sie war Kultstätte der Gottheit Piza- mar.

Doch das religiöse Zentrum lag bei Arkona. Über den Klippen der Steilküste erhob sich die Jaromarsburg, die der Gottheit Swantevit geweiht war. Im Jahre 1066 errichteten die Ranen am Kap Arkona die vermutlich quadratisch angelegte Tempelfeste; im Zentrum befand sich die hölzerne, überlebensgroße Bildsäule des Swantevit. Kein Waffengang fand statt und keine Feldaussaat wurde begonnen, ohne dass man zuvor das Orakel in der Jaromarsburg befragte. Neben den üblichen Opfergaben wurde nach jedem Kriegszug ein Drittel der Beute abgeliefert. Saxo Grammaticus, der 1168 als »Geheimschreiben des Bischofs Absalon von Roskilde an der Eroberung Rügens durch die Dänen teilgenommen und die Erstürmung der Jaromarsburg miterlebt hatte, gibt eine genaue Beschreibung der Tempelanlage und der alljährlichen Huldigungsriten, auf deren Grundlage man das Heiligtum rekonstruieren kann.

Das eigentliche Swantevit-Heiligtum war ein hölzernes Gebäude in der Mitte der Festung: »In dem Gebäude befand sich das kolossale Götzenbild, das an Größe jede menschliche Gestalt überragte. So stand es mit seinen vier Köpfen und ebenso vielen Hälsen zum Anstaunen da. Von den Gesichtern schienen zwei nach der Brust und zwei nach dem Rücken gerichtet zu sein, aber von den vorwärts wie rückwärts gerichteten Gesichtern schien immer das eine nach rechts und das andere nach links zu blicken. Der Götze war mit geschorenem Bart und geschnittenem Haar dargestellt. In der Rechten trug die Bildsäule ein Horn aus verschiedenartigem Metall. Der mit den heiligen Bräuchen vertraute Priester füllte es jährlich mit Met, um aus dem Verhalten der Flüssigkeit die Erträge des nächsten Jahres zu erkennen.«

Nach der Erstürmung Arkonas hackten die Sieger die Swantevit-Skulptur in Stücke und verbrannten sie. Es war kein Zufall, dass sich die dänischen Eroberer auf die Einnahme des Heiligtums konzentrierten, da es mehr als alles andere das ranische Stammesbewusstsein verkörperte. Nach dem Fall von Arkona 1168 ergab sich auch das politische Machtzentrum, die Burg Charenza (Garz).

Nachdem der Stammesfürst Jaromar widerstandslos den christlichen Glauben übernommen hatte, wurde Rügen innerhalb weniger Jahrzehnte vollständig christianisiert. Bereits 1180 begann man mit dem Bau der Marienkirche in Bergen, 1193 stiftete Jaromar – inzwischen zum dänischen Fürsten und Lehnsherrn erhoben – das dazu gehörige Zisterzienserkloster.

Die Eroberung und Christianisierung durch die Dänen hatte zunächst kaum Auswirkungen auf die ethnographische Struktur der Inselbevölkerung; die Dänen waren an einer Kolonisierung nicht interessiert, es fehlte ihnen der dafür nötige Bevölkerungsüberschuss. Erst durch die deutsche Siedlungsbewegung Richtung Osten wurden vom 13.-15. Jh. an allmählich die slawische Sprache und Kultur verdrängt, und die Ranen gingen nach und nach in der mehrheitlich deutschen Bevölkerung auf.

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