KLAUS STÖRTEBEKER – FREIBEUTER AUF DER FLUCHT

Störtebeker wurde, so erzählt die Legende, um 1370 als Sohn eines Bauern in Ruschvitz auf Rügen geboren – dessen ungeachtet erheben mehrere Orte auf Rügen und anderswo ebenfalls Anspruch, Geburtsort des berühmten Seeräubers zu sein. Als junger Mann verdingte sich Klaus als Knecht. Eines Tages – er war sehr durstig und glaubte sich unbeobachtet – nahm er aus der Bierkanne seines Herrn einen kräftigen Schluck. Doch der Bauer hatte ihn dabei beobachtet – zur Strafe ließ er Klaus fesseln und prügeln. Dieser verfügte indes über solche Leibeskräfte, dass er die Ketten sprengte und seine Peiniger niederschlug.

Klaus Störtebeker

Klaus Störtebeker

Mit einem Fischerboot floh er nach Arkona. Am Kap stieß er auf eine Kogge, die Michael Gödecke, der berüchtigte Anführer einer Piratenbande, befehligte. Um in die Gesellschaft der Vogelfreien aufgenommen zu werden, musste Klaus mit bloßen Händen ein Hufeisen auseinander biegen und eine zinnerne Schüssel zu einer Rolle zusammendrehen, was ihm wenig Mühe bereitete. Damit aber nicht genug, zu guter Letzt sollte er noch einen riesigen Humpen Bier in einem Zug leeren. Auch das schaffte er, ohne abzusetzen, und damit hatte er schließlich seinen nom de guerre erworben: Störtebeker – plattdeutsch für »Stürz den Becher«. Nach dieser Talentprobe war er – es soll um das Jahr 1393 gewesen sein – in die Gemeinschaft der Piraten aufgenommen; zusammen mit Michael Gödecke wurde er zu einem der meistgefürchteten Seeräuber seiner Zeit. Häufig mussten sich Störtebeker und seine Kumpane vor ihren Häschern in abgelegenen Schlupfwinkeln verbergen. Eines der Verstecke soll das Nonnenloch bei Zicker auf Mönchgut gewesen sein; andere Legenden berichten, dass die Seeräuber ihre erbeuteten Schätze in einer Höhle nahe dem Königsstuhl an der Jasmunder Küste horteten.

Die Likedeeler, Gleichteiler – so genannt, weil jeder der Seeräuber den gleichen Anteil an der Beute erhielt -, machten die Küsten der Nordsee wie der Ostsee unsicher. Und weil sie die Reichen plünderten und die Armen unterstützten, genossen sie große Sympathien beim einfachen Volk. Kaufleute und Patrizier, die um ihr Hab und Gut fürchten mussten, hatten natürlich weniger Verständnis für das Treiben der Likedeeler. Als die Freibeuter eines Tages bei Hamburg vor Anker lagen, goss ein Verräter das Steuerruder ihres Schiffes mit Blei aus, um es manövrierunfähig zu machen. Störtebeker und seine Leute wurden gefangen genommen und 1401 in Hamburg vor Gericht gestellt. Das Urteil stand von vornherein fest: Tod durch das Beil. Störtebekers letzte Bitte war, denjenigen in einer Reihe aufgestellten Kameraden das Leben zu schenken, an denen er noch mit abgeschlagenem Kopf vorbeilaufen würde. So rettete er auf dem Hamburger Grashoop noch etliche seiner Kampfgefährten, bis ihm der Gehilfe des Henkers ein Bein stellte und er strauchelte.

Diese Geschichte um den Robin Hood der See diente dem DDR-Autor Kurt Barthel (1914-1967; Pseudonym KuBa) als Vorlage für eine «dramatische Ballade-, die in der eigens dafür eingerichteten Freilichtbühne bei Ralswiek 1959 uraufgeführt wurde. Störtebeker wird in dem Stück zum Wohltäter der Armen und Schrecken der Reichen, mithin zum Vorkämpfer einer klassenlosen Gesellschaft stilisiert. Für die Aufführungen, die jeweils an die 10 000 Zuschauer anlockten, ließ man auf der Rasenfläche Kulissen von spätmittelalterlichen Patrizierhäusern errichten, und aus dem angrenzenden Jasmunder Bodden wurde der Schauplatz nächtlicher Seeschlachten. Neben Schauspielern, Tänzern, Sängern und Musikern des Volkstheaters Rostock wirkten etwa 1000 Rüganerals Statisten mit und mimten Reiter, Soldaten und Seeleute. Drei Jahre lang, bis 1961, zeigte man das Stück auf der Naturbühne, dann wurde es abgesetzt und erst wieder ab 1980 aufgeführt. Im August 1981 fand die 100. Vorstellung statt; seit 1993 wird die Störtebeker-Ballade wieder regelmäßig von Juni bis August in Ralswiek gespielt (Mo-Sa 20 Uhr, Information und Kartenverkauf: Störtebeker Festspiele, Am Bodden 100, Ralswiek, Tel. 0 38 38/3 11 00, Fax 0 38 38/31 31 92. Es gibt außerdem einen eigenen Besucherservice für alle touristischen Belange: Störtebeker Rügen Service, Tel. 0 38 38/31 15 50, Fax 31 36 27).

So ist gewährleistet, dass die Kulissen – vom Hamburger Richtblock, in dem noch das blutige Henkersschwert steckt, bis zur Seeräuberkogge, die am Ufer im Wasser dümpelt – als kulturgeschichtliches Zeugnis erhalten bleiben. Welche andere Insel kann schon mit einer mittelalterlichen Geisterstadt aufwarten?

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