IN DER STÜBNITZ 2

Weitere Aussichtspunkte

Rügen-Atlas: S. 235, E 1/2 Nur einen Steinwurf vom Königsstuhl entfernt, Richtung Süden, liegt die Viktoria-Sicht, ein von König Wilhelm I. am 10. Juni 1865 so benannter Aussichtsplatz. Von der Plattform, die über dem sehr steilen Felsen hängt, genießt man einen Blick, der fast noch lohnen-der ist als der vom Königsstuhl. Wir folgen dem Weg mit der blauen Markierung in den Buchenwald hinein. Über Wurzelwerk und abgebrochene Baumstämme, die wie versteinert wirken, geht es zumeist bergab. Nach der Viktoria-Sicht wird der Menschenandrang geringer; die meisten Besucher halten sich im unmittelbaren Umfeld der Großen Stubbenkammer auf.

ernst-moritz-arndt-sicht

Herbsttag an der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht

Auf dem bequem zu bewandernden Weg passiert man den Äser Ort und den Kollicker Ort, zwei Vorsprünge in der Küstenlinie. Nach etwa 1 Std. Geh-zeit durch den beeindruckenden, urwüchsigen Wald wird der Weg steiler und sandiger. Es finden sich immer wieder wunderschöne Plätze, um eine Rast einzulegen, so z. B. der Aussichtspunkt am Kieler Ufer. Unweit davon, auf der Höhe des Zusammenflusses von Kieler und Brisnitzer Bach, gibt es eine weitere Möglichkeit, zum Ufer abzusteigen. Eine Brücke, zu der auf beiden Seiten eine Treppe führt, überquert das Rinnsal. Nach dem Bach wird der Weg verhältnismäßig steil und schwierig, ist aber mit einem Geländer gesichert. Oben angelangt, wird man für die Anstrengung mit einem herrlichen Blick über die Bucht belohnt.

Der Weg wird nun wieder eben, wenn auch abschnittsweise etwas schmal. Immer wieder bieten sich wunderbare Aussichten auf das Meer. An der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht, einem plateauförmigen Felsvorsprung, sieht man nach Norden wie Süden sehr gut auf die fast senkrecht zum Meer abfallenden Kreidefelsformationen. Die direkt am Rand wachsenden Bäume, deren Wurzelwerk zum Teil ins Leere greift, lassen erahnen, zu welch gewaltigen Abbrüchen es zuweilen kommt. Im Frühjahr 1981 etwa stürzten an die 100 000 m3 Kreide in die Ostsee; die Felsen werden ständig durch Wind, Regen, Brandung, vor allem aber durch Frost abgetragen. Unweit der Ernst- Moritz-Arndt-Sicht befindet sich wald- einwärts, romantisch in einer Lichtung gelegen, das traditionsreiche Gasthaus Waldhalle, das eine Einkehr lohnt.

Das wohl am meisten fotografierte Motiv der ganzen Strecke zwischen Königsstuhl und Sassnitz sind die bizarren Formationen der Wissower Klinken, die man kurz hinter der Ernst- Moritz-Arndt-Sicht erreicht. Übrigens waren es nicht die Wissower Klinken, die Caspar David Friedrich (s. S. 48) als Vorlage für sein berühmtes Gemälde »Kreidefelsen auf Rügen« wählte, wie oft angenommen wird, sondern eine Felsformation in der Stubbenkammer nordwestlich des Königsstuhls. Allerdings dürfte es, selbst wenn der Maler die Felsen naturgetreu abgebildet haben sollte, heute schwierig sein, diese Stelle heute wiederzufinden, da sich durch Einwirkung von Wind und Wetter in den 170 Jahren seit Entstehung des Bildes die Klippen beträchtlich verändert haben.

Jenseits der Wissower Klinken geht es noch ein Stück an der Steilküste entlang, bevor der Weg weiter landwärts in den Wald führt, bis der Ortseingang von Sassnitz erreicht ist. (Für eine Rückfahrt mit dem Bus unbedingt vorher Abfahrtszeiten erfragen).

IN DER STÜBNITZ

Wer das Zusammenspiel von blauer See, weißen Kreidefelsen und grünschattigen Buchenwäldern einmal mit eigenen Augen gesehen hat, wird sicherlich das Urteil Wilhelm von Humboldts nicht für übertrieben halten, der nach einem Besuch der Stubbenkammer meinte: »Es ist nicht möglich, einen einfacheren und erhabeneren Anblick zu finden.«

Im Nationalpark Jasmund

Seit 1990 ist das Gebiet zwischen Sassnitz, Hagen und Lohme als Nationalpark ausgewiesen. Er umfasst rund 2200 ha Wald, etwa 600 ha Ostsee und an die 500 ha Kreidebrüche, Moore, Wiesen und Trockenrasen. Der Wald besteht vorwiegend aus Rotbuchen (daneben auch Ahorn, Esche, Ulme, Elsbeere, Eibe, Vogelkirsche und Wildobstarten) und ist zu ca. 90% in seinem naturwüchsigen Zustand belassen. Zahlreiche geschützte und seltene Arten von Flora und Fauna (z. B. 24 Orchideenarten) sind hier beheimatet.

Der Königsstuhl

Rügen-Atlas: S. 235, E 1 Der 117 m hohe Königsstuhl ist der berühmteste Felsvorsprung der Stubbenkammer. Auf ihm befindet sich seit mehr als 300 Jahren eine 200 m2 große Plattform, von der aus man die rügen- sche Küstenlinie weit überblicken kann (Eintrittsgebühr: 1 €). Über schmale Stufen, die über einen Dolmen aus der Jungsteinzeit führen, gelangt man zur Aussichtsterrasse. 300 000 bis 400 000 Besucher jährlich erklimmen das Plateau.

Königsstuhl, Felsformation in der Kreideküste  Rügens, Nationalpark Jasmund, Rügen, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Angeblich kam der Felsen zu seinem Namen, weil von hier der schwedische König Carl XIII. 1715 eine Seeschlacht zwischen seiner und der dänischen Flotte beobachtet haben soll und sich dazu einen Sessel aufstellen ließ. Einer zweiten Sage nach verhielt es sich aber ganz anders mit der Benennung des Felsens: In alter Zeit nämlich soll derjenige zum König gewählt worden sein, dem es gelang, als schnellster von der Seeseite herauf diesen Felsen zu klet-tern und sich auf den dort aufgestellten Stuhl zu setzen.

Linker Hand des Königsstuhls, in Ufernähe, ist der 22 m3 mächtige >Waschstein< zu sehen. Auch um diesen Findling rankt sich eine Sage: Alle sieben Jahre erscheint am Johannistag eine wunderschöne, verwunschene Jungfrau und wäscht ihre Kleider in der See. Derjenige, der sie sieht und ihr einen »Guten Tag, Gott helfe!« zuruft, hat sie aus ihrem Bann erlöst und wird von ihr mit reichen Schätzen belohnt werden. Also aufgepasst am 24. Juni!

Unweit des Königsstuhls kann man bei der Golcha-Quelle zum Ufer ab- steigen; die letzten Meter zum Strand sind treppenförmig ausgebaut. Da das Ufer sehr steinig ist, kann eine Wanderung dort recht mühsam werden. Es empfiehlt sich deshalb unter Umständen, auf dem Hochuferweg zu bleiben, von dem aus man nicht nur an den Aussichtspunkten beeindruckende Bilder genießt. Andererseits jedoch wird die Majestät der Kreidefelsen eigentlich erst vom Ufer aus richtig deutlich. Und nur von dieser Perspektive aus sieht man die Bänder der Feuersteinknollen, die wie Perlenschnüre die Kreideschichten durchziehen.

DER ÜBERSEEHAFEN UND DER FÄHRVERKEHR NACH SKANDINAVIEN

Vor der Wiedervereinigung gehörten sie zum altvertrauten Ortsbild von Sassnitz, die langen Reihen von Autos mit westdeutschen und skandinavischen Kennzeichen, die sich durch die heutige Stralsunder Straße quälten und auf die Zollabfertigung warteten. Der Sassnitzer Fährhafen war eines der Tore ins kapitalistische Ausland – ein Tor allerdings, das den Einheimischen streng verschlossen blieb.

Eine regelmäßige Fährverbindung zwischen Schweden und Vorpommern besteht seit mehr als 300 Jahren. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) war Vorpommern an Schweden gefallen, und die neuen Landesherren wollten eine sichere Verbindung in ihre Provinz jenseits der Ostsee. Deshalb wurde am 30. Juli 1683 zwischen dem südschwedischen Ystad und Stralsund die erste feste Fähr- linie eingerichtet. Doch nicht selten, bei schwerer See oder stürmischem Wetter, erreichten die Postjachten ihren Bestimmungshafen nicht und mussten unplanmäßig in einer Bucht auf Rügen anlanden.

Die Prorer Wiek an der Ostküste Rügens zwischen Sassnitz und dem Granitzer Ort war unter Seeleuten als Zufluchtsort für Schiffe, die in Sturm geraten waren, bekannt. Aus diesem Grund fiel Ende des 19. Jh. – Vorpommern gehörte inzwischen zu Preußen – die Wahl auf die kleine Gemeinde Sassnitz/Crampas, als das kaiserlich-preußische Seefahrtsamt beschloss, auf Rügen einen großen Fischerei- und Fährhafen bauen zu lassen.

Die Bauarbeiten begannen 1889; der Ort erhielt einen Eisenbahnanschluss nach Bergen und verfügte somit über einen direkten Verkehrsweg nach Berlin. Euphorisch schrieb das »Rügensche Kreis- und.Anzeigenblatt-1891, dass die Fährlinie zwischen Sassnitz und Trelleborg nunmehr die »direkteste und schnellste Verbindung zwischen Berlin und Stockholm« ermöglichen werde, »so dass die Tour täglich … in 24 Stunden zurückgelegt« werden könne. Im Juli 1909 wurde die erste Eisenbahnfähre in Betrieb genommen.

Wenige Jahre später stand Europa im Krieg. Auf der Königslinie wurden jetzt nicht mehr Touristen und Waren befördert, sondern die Opfer der Schlachten. Deutschland und Russland benutzten den Seeweg zwischen Sassnitz und Trelleborg, um über das neutrale Schweden ihre Verwundeten auszutauschen. Mehr als 38 000 kriegsverletzte Deutsche, Russen, Österreicher, Ungarn und Türken wurden via Sassnitz zurück in ihre Heimat gebracht. Auch im Zweiten Weltkrieg diente die Linie militärischen Zwecken, etwa der Sicherung des Nachschubs in das besetzte Norwegen. Minen und Torpedos beeinträchtigten den Verkehr. Im Februar 1942 ging nach einem Minentreffer das Fährschiff »Starke- fünf Seemeilen vor Lohme unter. Und am 19. Oktober 1942 sank nach Beschuss durch ein sowjetisches U-Boot vor Trelleborg die Fähre »Deutschland-; wegen seiner militärischen Bedeutung wurde der Hafen im März 1945 als einziger Ort Rügens bombardiert.

Erst im März 1948 verkehrten wieder regelmäßig Schiffe zwischen Sassnitz und Schweden. Als sich 1952 der Kalte Krieg zuspitzte und die Sowjets Rügen zum militärischen Sperrgebiet erklärten, blieb die Verbindung für zwei Jahre unterbrochen. In den folgenden Jahrzehnten nahm vor allem der Güterverkehr einen ungeahnten Aufschwung. Schweden wurde zu einem der wichtigsten internationalen Handelspartner der DDR, und die Linie Sassnitz-Trelleborg war lange Zeit die einzige Eisenbahnfährverbindung über die Ostsee nach Schweden.

Heute ist man in Sassnitz froh, dass der nur wenige Kilometer entfernt gelegene Passagier- und Frachthafen Neu Mukran, der noch zu DDR-Zeiten gebaut und ursprünglich rein militärisch genutzt wurde, die Stadt von einem Großteil des Fährbetriebs entlastet. Seit 1998 unterhält Neu Mukran regelmäßige Schiffsverbindungen nicht nur nach Trelleborg und ins dänische Rönne, sondern auch nach Klaipeda (Litauen), Kaliningrad und St. Petersburg (beide Russland). Doch der Sassnitzer Fährhafen, der in Westhafen umbenannt wurde, ist deswegen keineswegs verwaist. Nach wie vor verkehren von hier aus Fähren nach Rönne, Trelleborg und Swinoujscie (Swinemünde), neuerdings auch nach Kopenhagen und Peenemünde (auf der Insel Usedom). Außerdem werden in Sassnitz verschiedene Inselrundfahrten angeboten.

Jasmund und Wittow – Im hohen Norden 3

Von Sagard zum Spykerschen See

Bobbin

Rügen-Atlas: S. 235, D 2 Fährt man von Sagard Richtung Norden nach Glowe, passiert man rechter Hand einen großen Parkblatz. Dort kann man zum >Bobbiner Berg< (oder Tempelberg) hinaufsteigen und die Rundumsicht genießen – im Norden zur Steilküste von Kap Arkona, im Westen bis zum Dornbusch auf Hiddensee. Wenig später erreicht man das kleine Dorf Bobbin.

Etwas mühsam, aber lohnend ist der Aufstieg zu der weithin sichtbaren, einzigen erhaltenen Feldsteinkirche Rügens. Sie wurde 1250 erstmals als »Ecclesia de Babyn< erwähnt, der jetzige Bau – Sakristei, Schiff und Chor – stammt von 1400. Die barocke Kanzel wurde von Graf Wrangel gestiftet. Auf der Patronatsempore befinden sich die Wappen derer von Putbus, Wrangel und Lauterbach. Im Altarraum steht ein aus Kalkstein gearbeitetes gotländi- sches Taufbecken aus dem 12. Jh. Ein Sakramentsschrein in der Sakristei ist mit gotischer Temperamalerei und Schnitzwerk verziert.

Schloss Spyker

Rügen-Atlas: S. 234, C 2

schloss-spyker-ruegen

Kurz hinter Bobbin führt ein Abzweig nach Schloss Spyker (links). Bald taucht dann das verputzte, rostrot gestrichene Renaissanceschloss auf, das mit seinen vier Rundtürmen recht trut- zig – und schwedisch – wirkt. Der Eindruck kommt nicht von ungefähr. Ursprünglich im 16. Jh. von der bedeutenden Familie von Jasmund erbaut, die im 15. und 16. Jh. den Landvogt der Insel stellte, schenkte die schwedische Königin Christine das Schloss nach dem Aussterben der Jasmunder dem Feldmarschall Carl Gustav von Wrangel für seine Verdienste im Dreißigjährigen Krieg. Dieser ließ es 1650 nach dem Vorbild seines Schlosses am Mälarsee in Schweden umbauen. Erwähnenswert sind vor allem die wunderschönen frühbaraocken Stuckdecken in den Räumen des Hauptgeschosses, die u. a. die vierJahreszeiten darstellen.

Nach Wrangels mysteriösem Tod – es heißt, er sei ermordet worden – blieb das Schloss in schwedischem Besitz, bis es 1816 Fürst Wilhelm Malte von Putbus kaufte. Bis 1945 wurde es von mehreren Pächtern bewirtschaftet. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte man es zunächst Umsiedlern zur Verfügung und baute es 1964-1968 zu einem FDGB-Ferienheim um.

Nach der Wende wurde Schloss Spykervon der Treuhand an einen Rü- ganer vergeben. Seit Juni 1992 ist es als Hotel und Restaurant in Betrieb. Nachdem die Besitzansprüche von Franz zu Putbus abgewehrt werden konnten, wurde das Schloss gründlich restauriert. Die exklusive Lage in der herrlich stillen Boddenlandschaft macht es zu einer begehrten Restaurant- und Hotel-Adresse.

Hinter dem Schloss geht es zwischen uralten, knorrigen Weiden hindurch zum friedlichen Spykersee, der über den Mittelsee mit dem Jasmunder Bodden verbunden ist. In den Abendstunden sieht man vielleicht mit ein wenig Glück die Kraniche beim Anflug zu ihren nächtlichen Restplätzen. Von hier aus kann man am Großen Jasmunder Bodden bis nach Polchow, Martinshafen und sogar Lietzow und Ralswiek wandern.

Jasmund und Wittow – Im hohen Norden 2

Zu den Kreidebrüchen

Von der Strandpromenade führen mehrere Stichstraßen zur Bergstraße hinauf. Dort befindet sich das 1910 errichtete Rathaus, ein Jugendstilgebäude aus rotem, zum Teil glasiertem Klinker. Der repräsentative Bau war bis 1945 nicht nur Amtssitz des Bürger-meisters, sondern auch der kommunalen Bäderverwaltung, in dem sogar ein Wannenbad untergebracht war: Über eine Leitung wurde das dafür benötigte Seewasser in das Gebäude hochgepumpt. Gegenüber dem Rathaus, hinter einer kleinen Parkanlage, steht das einzig nennenswerte Gotteshaus des Ortes, die 1883 im neugotischen Stil erbaute Johanniskirche. Wie es heißt, haben betuchte Badegäste und einheimische Hoteliers für die Errichtung der Kirche reichlich Geld gespendet.

Nicht weit von der Johanniskirche und dem Rathaus entfernt, über den Steinbachweg zu erreichen, befindet sich der Sassnitzer Tiergarten g]. Auf dem 2,5 ha großen Gelände am Hang sind zahlreiche einheimische Tierarten zu sehen (im Sommer Mo-So 10-18 Uhr, im Winter bis zum Einbruch der Dunkelheit).

promenade-sassnitz

Restaurants an der Strandpromenade

Wer den etwas steilen Anstieg nicht scheut, sollte einen der drei aufgelassenen Kreidebrüche in den bis zu 130 m hohen Crampaser Bergen besuchen. Sehenswert ist vor allem der hinter dem Bahnhof gelegene, mehr als 50 m tiefe Kreidebruch, zu dem man von der Hauptstraße über die Lindenallee und die Waldmeisterstraße gelangt. Seit 1962 sind die Sassnitzer Kreidebrüche stillgelegt; die nunmehr bei Wittenfelde im Tagebau abgebaute Kreide wird im vollautomatisierten Kreidewerk Klementelvitz westlich von Sassnitz weiterverarbeitet. Jenseits des Kreidebruchs hangaufwärts ist ein steinzeitlicher Dolmen zu sehen.

Sagard

Rügen-Atlas: S. 235, D 2 Ende des 18. Jh., also noch vor der Blütezeit des ersten Seebades in Putbus, ein beliebtes Mineralbad, ist Sagard heute vor allem von historischem Interesse – und Ort zweier außergewöhnlicher Museen.

Damals floss hier der so genannte »Sagarder Gesundbrunnen‘, ein Bach mit hohem Eisen- und Kohlensäuregehalt, der in den Jasmunder Bodden mündete. Ende des 18. Jh. begann der Pastor Heinrich Christoph von Willich kräftig die Werbetrommel zu rühren, und ließ seinen Bruder, der Arzt in Ber-gen war, zwei Schriften über den Gesundbrunnen herausgeben. Wirkungsvoll wird wohl auch der Artikel eines Berliner Buchdruckereibesitzers gewesen sein, der das Brunnenwasser lobte, das geholfen habe, »indem es eine vortreffliche Ausleerung eines zähen Schleimes, durch die Brust, bewürkte und dadurch gar große Erleichterung verschaffte«.

Bald kamen viele Kurgäste nach Sagard, das mittlerweile mit Lauben und lauschigen Sitzgelegenheiten ausgestattet war und von wo man den ersten Weg in die Stübnitz hinein bis nach Stubbenkammer angelegt hatte. Allerdings galt es, sich an die »Brunnenord- nung< zu halten, die bestimmte, dass »keine Unsittlichkeiten zum Schaden der Anstalt« Vorkommen dürften und »in dem ganzen Ort Sagard die nötige Ruhe, Reinlichkeit und Ordnung bewahrt« werden sollte. Auch der Pädagoge und Philosoph Friedrich Schleiermacher weilte wiederholt hier; er heiratete 1809 Henriette von Willich, die Witwe des Pastors.

Mit der Blüte der Seebäder verlor Sagard seine Anziehungskraft. Sehenswert ist aber heute noch die Kirche aus dem 13. Jh.: Der Stralsunder Holzbildhauer Elias Keßler schuf den Altar. Die zweigeschossige Orgel, erbaut von Christian Kindt, ist die Zweitälteste auf Rügen. Bei den beiden Figuren an der Orgelempore handelt es sich um so genannte Wilde Männer (nach gotischen Vorbildern), die das Putbusser Wappen halten; seit 1815 war der Fürst von Putbus Patron der Kirche. Für Freunde der Nahkampfkunst unbedingt sehenswert ist das Box-Sportmuseum – angeblich außer einem weiteren in Finnland das einzige in Europa (August-Bebel-Str. 36, Tel. 21 21, Mai-Sept. Mo-Fr 10-17, Sa 10-13, Okt.-April Mo-Fr 10-17 Uhr, Führungen nach Vereinbarung).

Wer mehr über den Kreideabbau auf Rügen erfahren will, kann das Kreide- Freilichtmuseum Neddesitz besuchen. Ein 1,5 km langer Lehrpfad führt zum >Kleinen Königsstuhls von dem aus man über Jasmund und die Bodden blickt (Tel. 5 62 29, www.kreide museum.de, Okt.-März, So-Fr 10-16, April-Sept. Di-So 10-17 Uhr, Führungen nach Vereinbarung).

Jasmund und Wittow – Im hohen Norden

SASSNITZ UND SAGARD

Sassnitz, das einst mondäne Seebad an der Jasmun- der Kreideküste, war und ist Rügens Tor zur Welt: Von hier aus verkehren die großen Fährschiffe nach Skandinavien ins Baltikum. Nicht weit davon liegt Sagard, der erste Badeort auf Rügen, der heute fast vergessen ist.

Sassnitz

Rügen-Atlas: S. 235, E 2 1858 schrieb der Historiker Ernst Boll über die ehemalige Fischersiedlung Sassnitz: »Das Dorf ist so versteckt, dass man es kaum gewahrt, bevor man an den Rand der Schlucht getreten ist«. Der Eindruck der Weltabgeschiedenheit, den Boll vermittelte, täuscht: Zu jener Zeit war Sassnitz bereits das bedeutendste Rügener Seebad, in dem viele hochgestellte Gäste aus aller Welt Erholung suchten. Mit seinen 30 Hotels und zwölf Pensionen (1912) wurde Sassnitz sogar so etwas wie ein Synonym für Rügen: »Nach Rügen reisen heißt nach Sassnitz reisen«, legt Theodor Fontane dem Ehegatten seiner Romanfigur Effi Briest in den Mund. Fontane selbst erlebte Sassnitz zwiespältig: »Das Leben in Sassnitz eigentlich langweilig … aber die See- und Landschaftsbilder halten einen schadlos«, notierte er 1884 in sein Tagebuch.

Prominentester Gast neben Fontane war ein Musiker: Fast drei Monate, von Juni bis August 1876, verbrachte der Wiener Komponist Johannes Brahms (1833-1897) in Sassnitz. Sein Aufenthalt auf Rügen ging in die Musikgeschichte ein, weil er auf der Insel den letzten Satz der Ersten Sinfonie in c-Moll vollendete. Im Hotel Fahrnberg, dem besten Haus am Platze (an dessen Stelle heute das Sassnitzer Krankenhaus steht), konnte die Badegesellschaft Brahms beim Musizieren und Komponieren erleben.

hafen-sassnitz

Panorama vom Sassnitzer Hafen

Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt wurde vor allem durch den Bau des Fährhafens und den Anschluss an das Eisenbahnnetz (1891) bewirkt. Die Kreideindustrie und die Fischverarbeitung lösten allmählich den Badetourismus als wichtigsten Erwerbszweig ab.

Sassnitz wurde als einziger Ort auf Rügen im Zweiten Weltkrieg bombardiert. Ziel der britischen und amerikanischen Bomberstaffeln, die in der Nacht vom 6. auf den 7. März 1945 die Stadt angriffen, waren die Hafenanlagen. Mehr als 800 Menschen fanden dabei den Tod. Keine zwei Monate später wurde die Stadt von der Roten Armee besetzt.

Zu DDR-Zeiten wurde Sassnitz systematisch zum Industriestandort ausgebaut. Das moderne Kreidewerk in Klementelvitz und das Fischverarbei-tungskombinat in Dwasieden waren wichtige Devisenquellen des Landes.

Erst 1957 bekam Sassnitz das Stadtrecht. In der ehemaligen DDR hielt der Ort zwei Rekorde: Sassnitz war die nördlichste Stadt des Landes und die Gemeinde mit dem höchsten Alkoholkonsum pro Kopf-eine Statistik, die allerdings den skandinavischen Tagestouristen zu verdanken war, die die vergleichsweise niedrigen Preise für Alkoholika in der für sie nahen DDR sehr zu schätzen wussten.

Heute verfügt Sassnitz mit dem Fährhafen Neu Mukran über eine der wichtigsten deutschen Seeverbindungen nach Skandinavien und ins Baltikum.

Im historischen Ortskern

Besucher mit eigenem Pkw stellen ihr Fahrzeug am besten auf dem bewachten Parkplatz neben dem Rügen-Hotel (an der Stralsunder Straße) ab, das nicht zu verfehlen ist. Rechter Hand führt die Bahnhofstraße als Sackgasse zu einem Aussichtspunkt mit Blick über Westhafen, Ostmole und – bei klarer Sicht – die Prorer Wiek nach Binz und zur Granitz.

Es empfiehlt sich, von der Hauptstraße, der Verlängerung der Stralsunder Straße, den Weg durch die Seestraße einzuschlagen (erste Querstraße rechts – Stiftstraße – und dann links), die parallel zum Ufer verläuft, um in den historischen Ortskern zu gelangen. Trotz der zum Teil noch ramponierten Häuser vermittelt Alt-Sassnitz einen recht guten Eindruck von der Stadt zu ihrer Blütezeit um 1900. Gebäude in gründerzeitlicher Bäderarchitektur künden vom früheren Glanz der Stadt, verblasste Inschriften lassen die ehemalige Bestimmung der Häuser erahnen.

Am Hafen

Nach wenigen hundert Metern kreuzt die Seestraße die Hafenstraße, die sich in Serpentinen zum Stadthafen hinabschlängelt, der vor der offenen See durch die Ostmole geschützt ist. Bei gutem Wetter lohnt es sich, auf die mit fast 2 km längste Außenmole Europas hinauszuspazieren, denn von der Seeseite aus hat man nicht nur einen guten Blick über die Hafenanlagen und kann das Ein- und Auslaufen der Fischkutter beobachten, man gewinnt auch einen Eindruck von der Hanglage der Stadt, die Sassnitz in früheren Zeiten den Beinamen ‚Genua des Nordens« eingetragen hat.

Von diesen Zeiten erzählt auch das im Trakt des ehemaligen medizinischen Hafendienstes untergebrachte Fischerei- und Hafenmuseum, das die Sassnitzer Geschichte der letzten 100 Jahre und die Arbeitswelt der rügi- schen Fischer dokumentiert. Zu den Exponaten gehört auch ein vor dem Gebäude ankernder, im Original erhaltener Fischkutter von 26 m Länge, der bis 1990 im Einsatz war; die Besucher sind eingeladen, einmal in der Kapitänskoje probezuliegen (Im Stadthafen, Tel. 5 78 46, www.hafenmuseum.de, tgl. 10-18 Uhr, Nov.-März Mo geschl.). Nicht weit davon entfernt liegt das ebenfalls sehenswerte Museum für Unterwasserarchäologie. Es ist in einem denkmalgeschützten ehemaligen Abfertigungsgebäude der ‚Königslinie« untergebracht und präsentiert Funde aus 6000 Jahren, darunter die Gellenkogge, die 1340 vor Hiddensee sank (Alter Fährhafen, Tel./Fax 3 23 00, http://museum-mv.de/unterwasserar chaelogie, April-Okt. 10-18, Nov.-März 10-17 Uhr).

Die Hafenstraße, an der einige empfehlenswerte Restaurants liegen, geht in nordöstlicher Richtung in die Strandpromenade über, wo sich früher der Badestrand befand. Neben der Seebrücke hat sich auch der Kurplatz mit seiner Musikmuschel zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt. Nur wenige Schritte weiter liegt dicht am Ufer ein gewaltiger Findling, Klein Helgo- land. Der Granitbrocken ist so voluminös, dass man zu Beginn des 20. Jh. Sitzgelegenheiten auf dem Stein aufstellte, die man mittels eines Stegs trockenen Fußes erreichen konnte.

DIE BÄDERKOSTE UND DAS MÖNCHGUT 7

Middelhagen und Reddevitzer Höft

Rügen-Atlas: S. 239, E/F 2 Vom Abstecher zum Zickerschen Höft zurück, geht es bis Lobbe wie schon beim Hinweg wieder parallel zum Großen Strand entlang. In Lobbe biegen wir links Richtung Middelhagen ab. Auf halber Strecke steht rechter Hand ein Windschöpfwerk, das letzte seiner Art von ehemals 18 auf Rügen. Diese Pumpstationen wurden errichtet, um Sumpfgebiete mittels Windenergie zu entwässern und landwirtschaftlich nutzbarzu machen. Nach kurzer Fahrt ist Middelhagen erreicht.

Middelhagen war im Mittelalter Verwaltungssitz des Mönchgut. Sehenswert in dem Ort ist die spätgotische Feld- und Backsteinkirche mit ihrem kostbaren Interieur. Dazu gehören der älteste Schnitzaltar Rügens (um 1480), ein Opferstock aus dem 17. Jh., das Schiffsmodell einer Brigg von 1842 und die kuriosen Deckenleuchter aus Reusenankern. In dem rohrgedeckten Lehmfachwerkbau vorder Kirche, dem ehemaligen Küsterhaus, ist das Schulmuseum untergebracht. In den Räumen, die bis 1962 eine einklassige Zwergschule beherbergten, stehen noch die Schulbänke aus der Zeit von 1824, außerdem ist die Wohnung des Dorfschullehrers zu besichtigen (Thies- sower Str., Tel. 03 83 08/24 78, April/ Mai, Okt. Di-So 10-16, Juni, Sept. Di-So 10-17, Juli/Aug. tgl. 10-18 Uhr). Lehmfachwerk-Bauten wie das Schulmuseum gehörten zur typischen traditionellen Bauform auf dem Mönchgut: Über einer dicken, isolierenden Balkendecke befand sich der Bergeraum zum Lagern von Getreide. Die Fußböden bestanden meist aus gestampften Lehm, Kiefernholzdielen oder roten Mauersteinen. Das Strohdach kam erst mit dem Anbau von langhalmigem Getreide auf und wurde nach Aufhebung der Leibeigenschaft – das Roggenstroh wurde nun als Viehfutter benötigt – durch Schilfrohr ersetzt.

middelhagen-ruegen

Middelhagen von oben

Über Kleinhagen und Mariendorf geht es auf dem markierten Radweg nach Alt Reddevitz, einem winzigen Dorf mit zahlreichen Katen und Rohr-dachhäusern. In einer alten Scheune aus dem 17. Jh. befindet sich das Restaurant Kliesows Reuse, das für eine Einkehr sehr zu empfehlen ist. Hinter dem Ortsende führt eine Schotterpiste hinaus auf Rügens längste und schmälste Halbinsel, das Redde- vitzer Höft. Wie ein ausgestreckter Finger deutet sie auf die See hinaus. Man sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, trotz des schwierig zu befahrenden Wegs bis zum Lütthöft, dem äußersten Punkt der Land-zunge, zu radeln, von dem aus man eine phantastische Aussicht auf die umliegende Küstenlinie und die Insel Vilm hat.

Durch die Ginster und Baaber Heide zurück nach Göhren

Rügen-Atlas: S. 239, E/F 2 Wieder in Alt Reddevitz angekommen, hält man sich zunächst Richtung Ha- ving-Ufer und folgt dem Weg an sandigen und ginsterbestandenen Hügeln entlang. Hier liegt das Naturdenkmal Ginster Heide, die größte zusammenhängende Heidefläche Rügens, auf der Bestände des Besenginsters und des sehr seltenen Stechginsters wachsen. Nach dem Hinweisschild auf das Herzogsgrab gelangt man bald in eine kleine abgeschiedene Mulde mit Blick auf das hoch aufragende Schloss Granitz. Im Wald geht es dann geradeaus bis zum Herzogsgrab, das mit seinen 4000 Jahren zu den ältesten Großsteingräbern auf Rügen gehört. In dieser Bestattungsstätte einer Sippe aus der Jungsteinzeit fand man die Überreste von ungefähr 40 Skeletten – die Toten waren offensichtlich im Lauf der Zeit übereinander geschichtet worden.

Vom Großsteingrab aus braucht man sich nur noch an die grüne Markierung zu halten, um durch die Baaber Heide wieder zurück nach Göhren zu gelangen.

DAS ROHRDACH

Trotz der in der DDR wegen Materialmangels meist spartanischen Bauweise und der Vernachlässigung historischer Bauformen ist das Reet- oder – wie man in Mecklenburg-Vorpommern sagt – das Rohrdach auf den Inseln Rügen und Hiddensee immer noch weit verbreitet, auch bei vielen Neubauten. Diese seit Beginn des 19. Jh. übliche Form der Dacheindeckung war besonders kostengünstig, denn jeder Kleinbauer und Fischer konnte das Schilfrohr an den zahlreichen Uferrändern selbst ernten. Mit der Abnahme der Milchviehwirtschaft nahm die »Werbefläche« – also das Gebiet, in dem das Material dazu geerntet wird – sogar noch zu. Denn wo früher die Schilfränder vom Milchvieh der kleinen Bauern abgeweidet wurden, wuchs mit der Zeit ein dichter Rohrbestand heran.

Für viele Bauern und Fischer wurde das Rohrmähen auch zum wichtigen Nebenerwerb. Und da das Rohrdachdeckerhandwerk kein Lehrberuf war, sondern von Generation zu Generation weitergegeben, also von vielen Hausbesitzern selbst praktiziert wurde, entfielen entsprechende Lohnkosten in der Regel. Das Rohr wird im November geerntet, zu so genannten »Schoofen« gebunden und in »Mieten« bis etwa zum Frühsommer getrocknet. Solche »Mieten« sind vielerorts auf Rügen anzutreffen, insbesondere aber in den Küstenorten auf Mönchgut und auf Hiddensee.

reetdach-ruegen

Ein Rohrdach hält ungefähr eine Generation, manchmal sogar bis zu 60 Jahre. Seine Qualität hängt zwar auch vom Rohr selbst ab, doch in erster Linie von der Kunstfertigkeit des Dachdeckers und dem Material, welches zum Befestigen verwendet wird. Während bei den frühgeschichtlichen Vorläufern des Rohrdachs, die vermutlich aus langen Getreidehalmen bestanden, Weidennuten, Nadelholz, geteertes Sackband oder Strohseile verwendet wurden, benutzt man heutzutage meist einen hochwertigen Draht.

Die Dachneigung und der Grad der Sonneneinwirkung spielen für die Haltbarkeit ebenfalls eine gewisse Rolle. Entscheidend ist aber auch, ob zum Zeitpunkt der Dachdeckung trockenes Wetter herrscht, da nur unter dieser Bedingung eine optimale Dichte erreicht werden kann. Das Rohr soll nämlich erst dann quellen und sich wieder zusammenziehen, wenn das Dach bereits fertig gedeckt ist.

Für ein normales Dach werden rund 80 »Schock« Sc | hilfrohr, das sind 4000 Schoof mit einem Umfang von jeweils 60 cm, benötigt. Diese werden in zwei Schichten zur Erlangung der Dicke und einer weiteren für die Schrägung gelegt. Das Legen und Befestigen des Rohrs erfordert einige Kraft, da es stark zusammengepresst werden muss.

Die Güte dieser traditionsreichen Dachkonstruktion hängt aber auch vom Zimmermann ab, der die Dachgauben fertigt. Ist der Gaubenbogen nämlich beispielsweise nicht flach genug geschnitten, bleibt darüber nicht genügend Platz für die angestrebte Dicke der Rohrstrohschichten.

Sehen Sie mehr: Reisen Ostfriesische Inseln | Halong bay touren | Mekong Delta 1 day | Vietnam Rundreise und Baden 2014 | Vietnam Kambodscha Reisezeit

SPURWEITE 750 MM – DER >RASENDE ROLAND<

Eigentlich verdankt die Rügensche Kleinbahn ihre Existenz der Zuckerrübe. Denn obwohl die Insel bereits 1883 durch eine Eisenbahnlinie zwischen Stralsund-Hafen und Bergen mit dem Streckennetz des Festlandes verbunden war und bald auch Anschlüsse nach Putbus, Lauterbach und Crampas/Sassnitz existierten, forderte der Landwirtschaftliche Verein bessere Transportmöglichkeiten für die leicht verderbliche Ware. Und auch die Aktiengesellschaft Ostseebad Binz war – unterstützt vom Fürsten zu Putbus – an einer Verbindung zwischen Putbus und dem sich zu einem Seebad entwickelnden Fischerdorf interessiert.

Aber erst als 1892 in Preußen das »Gesetz über Klein- und Privatanschlussbahnen« in Kraft trat, das den Bau von Eisenbahnlinien in bisher abgelegene Gebiete förderte, und daraufhin der Kreistag Rügen die Finanzierung regelte, wurde die »Rügensche Kleinbahn AG< mit einem Aktienkapital von gut 2 Mio. Reichsmark gegründet. Durch die Festlegung der Spurweite auf 750 mm konnte man mit einem Drittel der Kosten für eine Normalspurstrecke auskommen. 1899 gab es drei Linien von insgesamt 98 km: von Putbus über Binz nach Göhren, von Altefähr nach Putbus (1967 stillgelegt) und von Bergen über die Wittower Fähre nach Altenkirchen (1970 stillgelegt). Als 1895 die Strecke von Putbus nach Binz eröffnet wurde, war der Zulauf so groß, dass »sogar Damen mit einem Stehplatz zufrieden sein mussten«.

2014-05-03-227-Muttland,large.1399141908

Jedoch bald schon plagten die Bahngesellschaft Sorgen, denn auf der Bäderstrecke war wegen der sprunghaften Entwicklung der Orte Binz, Sellin und Göhren die Leistungsgrenze erreicht, die Lokomotiven der Firmen Vulcan und Henschel erwiesen sich zu schwach. Seither gab es immer wieder Vorschläge und Pläne, zumindest im Bereich der Bäderorte eine Normalspurstrecke zu bauen, doch scheiterte dies an mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten. Lediglich leistungsstärkere Loks wurden angeschafft, um die Bäder vor dem, wie es hieß, »wirtschaftlichen Zusammenbruch« zu bewahren. In ernsthafte Bedrängnis aber geriet die Rügensche Kleinbahn-AG (RüKB), als nach dem Ersten Weltkrieg Deutschland viele Loks und Waggons, außerdem Steinkohle an die Siegermächte abliefern musste. Zeitweise wurde der Betrieb der Kleinbahn sogar eingestellt.

Erst ab 1924 besserte sich die Situation wieder. Auf der Strecke von Altefähr nach Göhren gab es jetzt sogar einen Speisewagen, und abends fuhr ein Theaterzug zum Residenztheater nach Putbus. Erneut wurde der Bau eines Normalspurstreckennetzes erwogen, jedoch aufgrund eines neuen Verkehrskonzepts und einer geplanten Reichsbahnverbindung über den Rügendamm wieder ad acta gelegt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich die Bahn wegen mangelnder Pflege in einem miserablen Zustand, doch gerade jetzt, da alternative Transportmöglichkeiten weitgehend fehlten, war sie ständig im Einsatz. Da zeitweise sogar mit Holz geheizt werden musste, schaffte die Kleinbahn einzelne Streckenabschnitte nur nach mehrmaligem Anlauf. Als dann ein großer Teil der Güterbeförderung auf die Straße verlagert wurde, legte man in den 60er und 70er Jahren die Strecken nach und nach still. Auch der »Rasende Roland» wäre diesem Wandel zum Opfer gefallen, hätte sich der »Deutsche Modelleisenbahn-Verband der DDR» nicht für seine Erhaltung stark gemacht und einige Wagen unter denkmalpflegerischen Ge-sichtspunkten restauriert. Nach der Wende wurde die Strecke zunächst (bis 1994) von der Reichsbahn bzw. der Deutschen Bahn weitergeführt. Heute wird der »Rasende Roland» von der Rügenschen Kleinbahn GmbH & Co. betrieben, die verschiedene Sonderfahrten mit Programm sowie eine Ausbildung zum »Ehrenlokführer, Ehrenzugleiter oder Ehrenzugbegleiter« anbietet.

Wer sich im Bereich der Badeorte aufhält, dem wird das schrille Pfeifen und die dunkle Rauchwolke bald vertraut sein. Fast stündlich arbeitet sich die Dampflok keuchend und stöhnend mit einer Geschwindigkeit von maximal 30 km/h an dem Gräberfeld von Lancken-Granitz vorbei zum Schmachter See und nach Binz, von dort durch die Granitz und die Baaber Heide nach Göhren und wieder zurück nach Putbus und Lauterbach. Fahrpläne sind an allen Bahnhöfen Rügens erhältlich, Räder können mitgenommen werden (Tel. 03 83 01/8 01 12, www.rasender-roland.de).

Für mehr Infos: Ostfriesische Inseln Urlaub, 2 Tages Tour Halong Bucht, Mekong Delta 1 Tag, Rundreise Vietnam und Baden, Vietnam Kambodscha Reisezeit

DIE BÄDERKOSTE UND DAS MÖNCHGUT 6

Lobbe, Thiessow und Klein Zicker

Rügen-Atlas: S. 239, F 2/3 In Göhren geht es von der Poststraße im Ortszentrum über die Thiessower Straße nach rechts bergab in die Hövt- straße. Man passiert das >Haus Seeschwalbe«, nach einer leichten Rechtskurve wird der Weg flacher. Kurz darauf steht linker Hand auf einer Wiese, umgeben von ausrangierten Seezeichen, das Museumsschiff Luise (Baujahr 1906), ein sorgfältig restaurierter Motorsegler. Heute ist es ein Denkmal der traditionellen rügenschen Frachtschiff-fahrt. Bei dem kugelförmigen Gebilde neben der Luise handelt es sich um einen so genannten Ligger, der dazu diente, die gefangenen Fische lebend aufzubewahren (Mai, Okt. Di-So 10-16, Juni, Sept. Di-So 10-17, Juli/Aug. tgl. 10-18 Uhr).

Etwa 1 km hinter Göhren muss man nach links abbiegen und fährt dann durch eine kleine Birkenallee. Danach geht es weiter auf einem Betonplatten-weg, von dem aus mehrere Stichstraßen nach links zum Strand führen. Bald darauf ist Lobbe erreicht; von dort folgen wir dem Radwegweiser Rich-tung Thiessow. Der gut ausgebaute Radweg verläuft parallel zum Großen Strand, vorbei an Campingplätzen und durch Dünenkiefernwald.

Nach etwa 4,5 km (hinter Lobbe) endet die Radpiste an einer Schranke; wir haben das Seebad Thiessow erreicht, ein ehemaliges Lotsendorf. An seine frühere Bestimmung erinnert noch der 1909 erbaute, aber schon 1949 aufgegebene Lotsenwachtturm auf dem Südperd, einem 36 m hohen Landvorsprung, von dem aus man einen phantastischen Blick über die See bis hinüber nach Usedom genießen kann. Die Lotsenglocke, die einst vom Turm aus die vorbeiziehenden Schiffe warnte, ist neben anderen Ausstellungsstücken in dem kleinen Lotsenmuseum im Haus des Gastes zu besichtigen (Hauptstr. 36, Tel. 82 80, Mai-Okt. Mo- Fr 9-12 und 13-18, Nov.-April Mo-Fr 9-13 Uhr). Nur wenige Meter vom Lotsenberg entfernt liegt der Aussichtspunkt Kleiner Königsstuhl, wo noch Überreste von Befestigungsanlagen aus dem Nordischen Krieg zu sehen sind.

thiessow-ruegen

Thiessow

Thiessow bietet sich für eine Rast an; verschiedene Cafes und Gaststätten locken mit regionaler Küche. In einer weiten Rechtskurve führt die Hauptstraße durch den Ort Richtung Nordwesten. Rechts öffnet sich die Aussicht auf den Zickersee, links erkennt man den Thiessower Haken. Dorthin pilgern gerne die Wellenreiter, denn der Thiessower Haken ist das beliebteste Surfgebiet an Rügens Küsten.

Nach 800 m erreicht man Klein Zicker. Am Dorfplatz steht eine sehr schöne rohrgedeckte Scheune, Bestandteil eines typischen Mönchguter Dreiseitenhofs, bei dem Stall und Scheune mit dem Giebel zur Straße, das Wohngebäude quer dazu angeordnet sind. Drei Straßen gehen von dort ab. Die Dörpstrat führt leicht bergan zu dem 200 m entfernt liegenden Strand. Bogenförmig zieht sich der etwa 5 m breite, mit Kieseln durchsetzte Sandstreifen um die Halbinsel. Man ist hier weitgehend ungestört und hat einen schönen Blick auf die gegenüberliegenden Ufer.

Auf dem Rückweg von Klein Zicker nach Lobbe (auf der beschriebenen Strecke) sollte man nicht versäumen, einen Abstecher zum Zickerschen Höft zu unternehmen. Allerdings ist ein Teil dieser Route für Radfahrer gesperrt und kann deshalb nur zu Fuß erkundet werden (s. S. 158).

Abstecher zum Zickerschen Höft

Rügen-Atlas: S. 239, E/F 2/3 Ungefähr auf halber Strecke zwischen Thiessow und Lobbe biegt eine Stichstraße Richtung Westen nach Gager und Groß Zicker ab. An der Bushaltestelle in Gager beginnt ein Rundwanderweg (6 km, ca. 2 Std.), der auf die Gager Höhen, nach Groß Zicker und über den Bakenberg wieder zurück an den Ausgangspunkt führt. Der Aufstieg auf den Höhenzug, der mit dem 66,5 m hohen Bakenberg den höchsten Punkt von Mönchgut bildet, lohnt sich allein schon wegen des großartigen Rundblicks: Nach Osten reicht die Sicht bis nach Usedom und zur Oderbucht, im Norden bis Göhren, im Westen sind die höherliegenden Teile von Putbus und Bergen zu sehen und im Süden die kleine Insel Rüden und die Lubminer Heide.

Von der Dorfstraße in Gager geht es nach Süden ins Möhlendal und von dort die Anhöhe hinauf. Etwa 300 m in östlicher Richtung liegt der Bakenberg. Durch die Hochweiden entlang des Kamms der Gager Höhen führt ein Wanderweg nach Westen zum Zickerschen Höft, das zu einem 116 ha großen Naturschutzgebiet gehört. Auf den Trockenrasen rund um den Zicker- Berg wachsen Strandnelken, Schafschwingel, Habichtskraut und Sandstrohblumen. Kurz vor dem Zicker- Berg (66 m), den man an seinem Signalturm erkennt, liegt ein neolithi- scher Dolmen. Kurze Zeit später erreicht man den Rand des Hochufers. Dort kann man an verschiedenen Stellen zum Strand absteigen, z. B. beim Nonnenloch, so genannt, weil sich dort der Sage nach die Bergener Nonnen mit den Mönchen des Klosters Eldena (nahe Greifswald) heimlich zum Stelldichein trafen.

Überden Hochuferweg gelangt man nach Groß Zicker. Das heute zu Gager gehörende Straßendorf war bereits im 12. Jh. als Siker (slaw. sikor = Meise) bekannt. Das ehemalige Pfarrwit-wenhaus von 1723 mit seinem außergewöhnlich tief heruntergezogenem Rohrdach gehört zu den ältesten Gebäuden auf Mönchgut. Es ist ein typisches Beispiel für das so genannte niederdeutsche Hallenhaus, eine Bauform, die im 12. und 13. Jh. deutsche Zuwanderer aus Niedersachsen einführten. Dabei handelt es sich ursprünglich um ein Lehmfachwerkhaus, bei dem Wohnung, Stall und Stapelraum für Getreide, Stroh und Heu unter einem Dach vereinigt waren. Mit seinem >Zuckerhut‘, dem hohem, steilem Dach, ähnelt es in seinem Aussehen einer früher gebräuchlichen Rohr-zuckerverpackung (Tel. 03 83 08/82 48, Mo-Sa 10-19 Uhr, So 12-19 Uhr). Das Nachbarhaus Nr. 33 ist ein für das Mönchgut charakteristisches Fischerbauernhaus mit Backsteinfassade und Fachwerkgiebel. Die spätgotische Backsteinkirche von Groß Zicker mit ihrer kostbaren Barockkanzel von 1653 ist das älteste Gebäude der Halbinsel, mit dessem Bau schon vor 1360 begonnen wurde.

Besuchen Sie uns unter: Reisen Ostfriesische Inseln | Halong Bucht 2 Tagestour | Mekong Delta 1 day trip | Vietnam Rundreisen und Baden | optimale Reisezeit Vietnam Kambodscha