VON JASMUND ZUR HALBINSEL WITTOW 2

Juliusruh und Breege

Rügen-Atlas: S. 233, D/E 1/2 Ab Glowe beschreibt die Straße eine lang gezogene Kurve bis Juliusruh, dem nächsten Stützpunkt des Badetourismus. Es ist der erste Ort auf dem »Windland« Wittow, der fruchtbaren nördlichsten Insel Rügens. Seine Geschichte ist eng mit der von Breege verbunden. Als im letzten Drittel des 19. Jh. dessen Bewohner durch den Niedergang der Hochseeschifffahrt vor dem Ruin standen, waren es der schöne Strand von Juliusruh, der Bodden und das Bedürfnis der Großstädter nach Urlaub in der Natur, die den Gemeindeschulzen, zusammen mit Reedern, Kaufleuten und Gastwirten dazu bewegten, 1883 einen Badeverein zu gründen. Durch öffentliche Tanzveranstaltungen, Konzerte und Vorträge kam das Grundkapital für die entsprechende Ausstattung des Ortes zusammen, und 1895 entstand ein Strandhotel.

Juliusruh Dorf, Rügen

Juliusruh Dorf, Rügen

Eine weitere wichtige Einnahmequelle in den 1920er Jahren war ein zentrales Ausbildungslager des Deutschen Kanusportverbandes, das auch Wettkämpfe – u. a. eine Regatta zwischen Rügen und Südschweden – ausrichtete. Die Nazis nutzten das Lager zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele und später zur »Wehrertüchtigung« der Hitlerjugend. Nach 1945 wurden hier die Arbeitskräfte zur Demontage militärischer Einrichtungen auf Wittow untergebracht. 1953 übernahmen FDGB, FDJ und GST (Gesellschaft für Sport und Technik, eine Art vormilitärischer Einrichtung) das Lager. Momentan ist über die zukünftige Nutzung noch nicht entschieden.

Ein echtes Kleinod des Seebades mit seinen alten Pensionshäusern ist der links der Straße gelegene Park, der von Julius von der Lancken aus dem reichsten Geschlecht Wittows Ende des 18. Jh. teils im französischen, teils im englischen Stil angelegt wurde. Zu diesem Zweck ließ er Erde anfahren, Linden in Holzkübeln aus Schweden holen und südländische Gewächse pflanzen; ein teures Unterfangen, welches dazu beitrug, dass der Graf im Jahre 1903 seine Besitzungen auf Rügen verkaufen musste.

Von Juliusruh führt ein Waldweg links nach Breege (Hinweisschild), von dessen einstigem Wohlstand als Hafenort – es galt einst als das reichste Dorf Rügens – noch die großen Kapitänshäuser zeugen. Bis heute lebt der etwas abgelegene Ort, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, vor allem von der Reusenfischerei, aber auch von dem neuen Jachthafen. Nach langjähriger Pause verkehren mittlerweile auch wieder Schiffe zur Insel Hiddensee.

Altenkirchen

Rügen-Atlas: S. 233, D 1 Nach Altenkirchen, dem mit etwa 1600 Einwohnern größten Ort auf der Halbinsel Wittow, gelangt man am besten über Juliusruh. Seiner zentralen Lage wegen bewohnten schon die Rugier das Gebiet, Altenkirchen diente ihnen als Begräbnisstätte. Nach der Zerstörung des Swantevit-Tempels auf dem Kap Arkona (s. S. 198f.) gründeten die Dänen hier eine Wohnsiedlung mit einer Kirche, die angeblich aus dem Palisadenholz der Ranenburg errichtet wurde.

Die Backsteinkirche, eine der ältesten Pfarrkirchen Rügens und wohl das einzige, aber unbedingt sehenswerte Baudenkmal in dem sonst eher un-scheinbaren Ort, entstand um 1200 als dreischiffige romanische Basilika und wurde später mit einem gotischen Kreuzrippengewölbe ausgestattet, das einige Rätsel aufgibt, denn die Deutung der drei dort befindlichen, 1967 freigelegten Zeichnungen ist unklar: Versinnbildlicht das dargestellte Schwein ein slawisches Kulttier oder ein unreines Wesen, das die Kirche verlässt? Und die beiden Hähne, sind sie als Symbol der Ranen-Gottheit Swantevit zu ver-stehen? Eindeutig der christlichen Ikonographie zuzuordnen ist hingegen der Pelikan im Chorbogen.

Ungesichert ist auch die Bedeutung des alten slawischen Grabsteins im südlichen Choranbau, der einen Mann mit Bart und Füllhorn darstellt. Es mag sich um einen Priester des Swantevit handeln, und der Stein wurde als Zeichen der Unterwerfung der Heiden eingemauert; vielleicht ist es auch der Grabstein für den Bruder des Fürsten Jaromar von Rügen.

Ein weiteres Kleinod der Kirche ist das Taufbecken aus gotländischem Kalkstein im Altarraum, aus dem vier Männerköpfe herausragen; es entstand vor 1250. Sehenswert auch der Altar mit seinem Aufsatz von 1724, der aus der Werkstatt des berühmten Barockbildhauers Elias Keßler aus Stralsund stammt. Die Orgel erhielt 1797 ihre heutige Gestalt. Gotthard Ludwig Kosegarten, der von 1792 bis 1802 Pastor von Altenkirchen war, ließ sie aufstellen. Wenn nicht gerade eine Busgesellschaft die Kirche heimsucht, bietet der Friedhof, auf dem auch Kosegarten begraben liegt (Grabstein links neben dem Eingang zur Kirche), ein beschauliches, geradezu romantisches Plätzchen. Eine Besonderheit ist auch der abseits stehende Glockenturm.

Auf dem Weg Richtung Kap Arkona führt vor dem Hotel »Nobbin« ein Plattenweg zur Nobbiner Grabanlage aus der Jungsteinzeit, die auch Riesenberg genannt wird und wegen ihrer erhöhten Lage zu den eindrucksvollsten auf Rügen gehört. Das etwa 5000 Jahre alte, trapezförmig angelegte Großsteingrab von 34 m Länge und 11 bzw. 8 m Breite zeigt deutlich die Anlage eines Hünenbettes (s. S. 34f.). Von den wohl ursprünglich 53 großen Steinen sind noch 34 erhalten. Zwei Wächtersteine begrenzen die Anlage an der Südwestseite. Innerhalb der Umfriedung befanden sich zwei Grabkammern, die schon früh ausgeplündert wurden, denn hier fand man Reste einer Urnenbestattung aus der Eisenzeit. Die Steinsetzung übte auf Caspar David Friedrich offenbar eine große Faszination aus, denn er skizzierte sie mehrmals und arbeitete seine Aufzeichnungen vermutlich in sein Gemälde »Hünengrab« ein.

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